Kann man von der Unterhaltungsmusik dauerhaft lassen? Das gelang selbst Cat Stevens nicht, der den wohl krassesten und lange Zeit konsequentesten Fall eines Künstlers darstellte, der sich von einem, nennen wir’s: Erweckungserlebnis dazu genötigt sieht, seine Karriere, sein, nach geistlichen Maßstäben, sündiges irdisches Treiben zu beenden und fortan als mehr oder weniger frommer Mann zu leben, damit immerhin den Beweis für eine gewisse Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Entertainment und reiner Spiritualität, im Grunde für deren wechselseitige Durchdringung erbringend.
Little Richard warf, als er Gott auf einem Schiff schaute, sein Hab und Gut über Bord, verkaufte seine Autos und wurde Prediger; Cat Stevens wäre fast ertrunken und schwor, den Rest seines Lebens Allah zu weihen, nannte sich Yusuf Islam und machte irgendwann doch wieder etwas, womit niemand mehr gerechnet hatte: weltliche Musik.
Al Green, der als kleiner Gospelsänger im Familienclan irgendwo in Arkansas angefangen hatte und einer der größten Soul-Stilisten der Siebzigerjahre wurde, brauchte für seine Umkehr gewissermaßen zwei Anläufe: Der kochend heiße Brei, mit dem seine so heiratswillige, sich anschließend erschießende Freundin den in der Badewanne Sitzenden 1974 übergoss, führte mittelbar zum Erwerb einer Kirche in Memphis, wo er mit dem Produzenten von Hi Records Willie Mitchell seit 1969 pro Jahr mindestens eine auf Hochglanz polierte Schallplatte herausgebracht hatte; seitdem predigte er in der Church of the Full Gospel Tabernacle, ohne die Plattenaufnahmen schon einzustellen. Endgültig zur Besinnung brachte ihn 1979 der Sturz von einer Bühne in Cincinnatti, den er um ein Haar nicht überlebt hätte.
Er füllte die Lücke vollauf
Bis dahin war Al Green einer der maßgeblichen Soulinterpreten gewesen, der die Lücke, die Marvin Gaye ermüdungshalber und Stevie Wonder wegen seines ganzheitlichen Perfektionismus ließen, mit gewaltigem, in der Qualität nie nennenswert nachlassendem Output vollauf füllte. Er wurde, mit seinem massiv einschmeichelnden, sich bis an die Hörgrenze steigernden Falsett und dem von Mitchell straff geschnürten Klangkorsett aus stoßweise operierenden Bläsern, gelinden Streichern und dem Verzicht auf klassische Synkopen, zum Inbegriff des smooth soul jener Zeit, der bei aller Geschmeidigkeit niemals kraftlos, sondern stark und sehnig wirkte.
Das zweite Album für Hi, „Al Green Gets Next To You“ (1971) machte ihn, mit den Titeln „I Can’t Get Next To You“ und „Tired Of Being Alone“, zum Superstar der black music, der mit „Let’s Stay Together“ (1972) sogleich einen Anschlusstreffer hatte und fortan wenig falsch machen konnte. Zwischen Schmusemusik und insistierenden Rhythmen changierend, wahrte er in seinen Darbietungen durchweg emotionale Tiefe.
Der geradezu aufdringliche erotische Einschlag in seiner Musik machte diese allerdings auch zur Geschmackssache. Das Magazin „Village Voice“ diagnostizierte „unangenehmen Narzissmus“. Dennoch lieferte er, insbesondere auf dem ohne Mitchell zustandegekommenen „Belle Album“ (1977), bis in seine geistliche Phase hinein durchweg Meisterwerke ab, die sich von Disco kaum beeinflusst zeigten und, bei nach wie vor hohem Anteil an selbstgeschriebenem Material, immer wieder mit dosiert eingestreuten Pop-Standards aufwarteten.
Seine weltliche Wiedergeburt feierte Al Green, nach langer Abstinenz, 2003 spektakulär mit dem entwaffnend offen betitelten „I Can’t Stop“, das, zusammen mit Solomon Burkes ungefähr zur selben Zeit erschienenem „Don’t Give Up On Me“, als eines der wichtigen Soul-Comebacks gelten darf. Es folgten, ebenfalls für Blue Note, noch zwei gleichfalls makellose Platten. Seit bald zwanzig Jahren schweigt Al Green, der an diesem Montag achtzig Jahre alt wird. Es wird Zeit für eine weitere Wiedergeburt.
Source: faz.net