Aktienhandel: Der Traum von dieser Europa-Umschlagplatz

Es gab eine Zeit, da hat die Deutsche Börse versucht, die Pariser Euronext zu übernehmen. Ein starker europäischer Börsenchampion sollte gebaut werden. Zwanzig Jahre ist das her. Kaum einer in Europa hat sich dafür eingesetzt. Die Euronext wurde schließlich nach New York verscherbelt. Fünf Jahre später, 2011, hat die Deutsche Börse versucht, die New Yorker Börse samt ihrer europäischen Tochtergesellschaft zu übernehmen. Die Deutsche Börse war wertvoller als NYSE Euronext zusammen. Der deutsche Anteil hätte 63 Prozent betragen. Wer aber war dagegen und brachte das Vorhaben zu Fall? Die Europäer selbst in Form der EU-Kommission. Sie sah den Wettbewerb in Gefahr.

Fünf weitere Jahre später versuchte es die Deutsche Börse noch einmal, dieses Mal mit einem Zusammenschluss mit der London Stock Exchange. Auf 54 Prozent wäre der deutsche Anteil beziffert worden. Auch hier brachte die EU Bedenken vor, stellte Auflagen, die den europäischen Börsen-Champion geschwächt hätten. Nationale Befindlichkeiten kamen hinzu.

Künftig weniger Wettbewerb in Europa gewünscht?

Ein wenig verwundert daher nun, dass zunächst Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der von 2005 bis 2014 im Aufsichtsrat der Deutschen Börse saß, vorschlug „eine Art Europäische Stock Exchange“ zu schaffen. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) unterstütze die Pläne und die zentrale Rolle, die dabei Frankfurt zukommen solle. Nun hat die CSU sich des Themas angenommen und fordert in einem Positionspapier vor ihrer Klausurtagung in Seeon diese Woche „eine europäische Börse, um erfolgreiche deutsche Unternehmen in unserem Land zu halten“.

Sie wolle dafür sorgen, dass der Sitz in die größte Volkswirtschaft der EU, also nach Deutschland, kommt. Wie sehr diese Idee auf europäischer Ebene abgesprochen ist, bleibt unklar. Auch das konkrete Vorgehen ist offen: Ist es eine Aufforderung, Fusionen doch noch mal zu probieren, auf dass die EU dieses Mal zustimmt? Oder soll es eine politisch verordnete Fusion werden? Wäre ein Land wie Frankreich damit einverstanden, künftig die eigene Börse zugunsten Frankfurts aufzugeben?

Die Deutsche Börse sieht jede Menge politischen Handlungsspielraum, der dem europäischen Kapitalmarkt nutzen könnte. In einem Interview mit der „Börsen-Zeitung“ erinnerte Deutsche-Börse-Chef Stephan Leithner zum Jahreswechsel an europäische Regulierungen wie Mifid I, die das Ziel mehr Wettbewerb in der Börsenlandschaft und damit eine Fragmentierung in Europa zur Folge gehabt habe mit einer Stärkung des unregulierten außerbörslichen Handels. Auch seien europäische Reporting-Anforderungen für viele Firmen abgeschafft worden, nicht aber für die börsennotierten Unternehmen. Das bringe eine schwer verständliche Asymmetrie, die den Drang in Europa bremse, an die Börse zu gehen, so Leithner.

Fokus auf anderen Geschäften als Aktienhandel

Dass Börse weit mehr ist als der Handel mit Aktien, zeigt der Börsenwert der Börsen selbst. Die auf den Aktienhandel fokussierte Euronext, an der die Amerikaner schon vor mehr als zehn Jahren das Interesse verloren und sie in die Unabhängig entließen, betreibt mittlerweile die Handelsplätze in Paris, Brüssel, Amsterdam, Lissabon, Mailand und Oslo. Zusammen sind dort Unternehmen im Wert von mehr als sieben Billionen Dollar notiert und damit gut die Hälfte der Summe aller europäischen Börsen. Als Unternehmen ist die Euronext aber nur zwölf Milliarden Euro wert.

Die Deutsche Börse kommt auf vierzig Milliarden Euro Börsenwert, obwohl die in Frankfurt gehandelten Unternehmen gerade einmal 2,7 Billionen Dollar wert sind. Abwicklung, Verwahrung, Derivate, Währungen, Strom, Gas, Dienstleistungen für Fonds, das Geschäft mit Daten – es gehört weit mehr als nur eine Handelsplattform zum Angebot der Deutsche Börse. Und wo europäische Zentralisierung Sinn macht, bahnt sich der Markt den Weg, wie im ETF-Handel in Frankfurt oder auch im Stromhandel in Leipzig.

Die großvolumigsten Aktienplätze sind in New York Nasdaq (36 Billionen Dollar) und Nyse (32 Billionen) vor China/Hongkong (20 Billionen). Europa kommt insgesamt auf 14 Billionen Dollar Börsenwert aller Unternehmen. Ob ein zentraler Handel in Europa an einem Ort der entscheidende Schritt ist, Unternehmen zu Standorttreue und mehr Investitionen hierzulande zu bewegen, ist fraglich. Lukrativer scheint es, die Geldtöpfe vor Ort zu vergrößern.

Schweden ist hier das Musterbeispiel, wie eine Orientierung von Teilen der Altersvorsorge am Kapitalmarkt schnell Früchte tragen kann. Die Skandinavier haben seit Jahren die meisten Börsengänge in Europa. Die Wachstumsstärke einer Volkswirtschaft hat ebenfalls Einfluss. In der Liste folgt mit Spanien ein Land, das zuletzt so etwas wie die Wachstumslokomotive Europas war. Zwei Stellschrauben, die von CDU und CSU womöglich leichter und schneller beeinflusst werden können als wettbewerbsrechtliche Regelungen für Börsen und das Überwinden nationaler Börsenbefindlichkeiten.

Source: faz.net