Aktie verliert massiv: Frisst die KI jetzt gleichfalls noch SAP, Herr Klein?

Dem Vorstand des Softwarekonzerns SAP ist es auf der Jahrespressekonferenz nicht gelungen, Zweifel über die Wachstumsaussichten angesichts eines immer stärkeren Vordringens von KI zu zerstreuen. Obwohl der hochprofitable Konzern von weiter deutlich zweistelligen Wachstumsraten im Cloud-Geschäft ausgeht und nahezu alle Ziele im alten Jahr erreicht hat, rauschte der Aktienkurs am Donnerstag ab. Das Papier des wertvollsten börsennotierten Unternehmen Deutschlands verbilligte sich zeitweise um fast 15 Prozent. Damit verlor der Konzern an der Börse in kurzer Zeit rund 30 Milliarden Euro an Wert. Mehr als beispielsweise Adidas alleine auf die Waage bringt.

Im Gespräch mit der F.A.Z. verteidigte der Vorstandsvorsitzende Christian Klein die strategische Ausrichtung. Anders als von manchem befürchtet würden Large Language Modelle (LLMs) keine Software ersetzen, selbst wenn sie unbestritten selbst zum Coden, also Programmieren, in der Lage seien. LLMs könnten gut Geschäftsdaten analysieren, aber wenn es darum gehe, die Datenqualität zu beurteilen, komplexe Geschäftsprozesse miteinander zu verbinden und zu verstehen, kämen sie an ihre Grenze.

Der LLM-Boom mache ihm keine Sorgen, „weil SAP über Geschäftsdaten und deren Kontext verfügt und wir die Geschäftsmodelle auch verstehen“. Das könnten LLMs nicht. „Am Ende braucht es eine Kombination aus beiden. Die Kunden haben es schon erkannt, der Markt wird es auch erkennen.“ KI fresse keine Software, aber Software werde sich ändern, sagt Klein. „Früher haben wir uns mit Kunden über Software-Features unterhalten. Jetzt geht es darum, was die Agenten in der Software können.“

„Man kann als Technologie-Unternehmen nicht alles machen“

Die Skepsis an den Kapitalmärkten erklärt der Vorstandschef mit dem vielen Geld, das in Halbleiter, KI-Infrastruktur und Rechenzentren geflossen sei. „Investoren fragen sich jetzt, wo die Wertschöpfung bleibt und schauen auf LLMs. Etwa wenn ein neues Modell in der Lage sei, Aufgaben eines Finanzanalysten zu erledigen. „Nächstes Jahr gibt es vielleicht einen revolutionären KI-Agenten eines SaaS-Unternehmen und die Stimmung dreht sich.“ Kein LLM könne eine Finanzlösung für einen Dax-Konzern entwickeln. „Am Ende braucht es bei Geschäftsprozessen immer eine App, und diese App kommt von SAP.“

Klein verteidigte die Strategie, keine eigenen LLMs zu entwickeln, sondern sich mit den großen Anbietern zu verpartnern. „Zu hundert Prozent richtig“, sei das. „Wir können immer das beste Modell für jeden Anwendungsfall wählen, und es im Zweifel auch relativ schnell wieder austauschen.“ Das sei ein Vorteil für die Kunden, zugleich stelle SAP sicher, nicht abhängig zu werden. SAP nutze für die Entwicklung eines eigenen KI-Agenten nicht nur eine LLM. „Wir brauchen immer eine Ebene mit unseren eigenen Daten“. SAP mache keine LLM, aber SAP mache KI. „Damit unterscheiden wir uns. Man kann als Technologie-Unternehmen nicht alles machen.“

Die Skepsis an den Kapitalmärkten konnte der SAP-Chef am Donnerstag nicht überwinden. Seit Monaten wachsen die Sorgen, ob KI nicht die Geschäftsmodelle großer Softwarekonzerne zerstört. Die Investmentbank Jefferies sprach gar von einer „historisch schlechten Branchenstimmung“. SAP ist nicht allein: alle Anbieter von Software als Service (Saas) stehen an der Börse gewaltig unter Druck.

Als Indiz für die schwindenden Wachstumsaussichten von SAP nannten etliche Investoren am Donnerstag die Entwicklung des „CCB“. Hinter dem häufig zitierten Kürzel verbirgt sich der Auftragseingang der letzten zwölf Monate. Konkret bedeutet der „Current Cloud Backlog“ die vertraglich zugesicherten Clouderlöse, die SAP in den nächsten zwölf Monaten auf Basis seines Orderbuchs erwarten kann. Nach einem währungsbereinigten Zuwachs von 29 Prozent im Jahr 2024 wuchs besagter Auftragseingang im Geschäftsjahr 2025 „nur“ um 25 Prozent. Im laufenden Jahr sagte der Konzern eine leichte Abschwächung voraus.

Klein: Die Börsenreaktion ist nicht schön

Klein sagte, das Wachstumsmodell sei dennoch intakt. Mehr noch: „Keine Industrie wächst schneller.“ Das angekündigte Wachstum bedeute, dass der Konzern absolut „immer mehr on top legen“ müsse, weil sich die Basis verändere. Für das prognostizierte Wachstum habe das Unternehmen in der Vergangenheit mehrere Jahre gebraucht.

Die Börsenreaktion, sei nicht schön, aber die SAP-Aktie habe sich zwei Jahre lang auch sehr gut entwickelt. Nun sei sie mit dem Markt nach unten gegangen. Die Skepsis betrifft nach Kleins Worten nicht nur SAP, sondern sei ein Thema der ganzen Branche. „Die Saas-Anbieter sitzen jetzt alle auf der Strafbank. Aus der müssen sie erst mal wieder raus, und das wird auch passieren.“

Klein zeigte sich mit dem Erreichten sehr zufrieden. Obwohl das Umfeld schwierig gewesen sei, habe der Konzern seine Ziele erreicht. Auch wenn das Cloudgeschäft mit plus 26 Prozent nur am unteren Ende der prognostizierten Bandbreite wuchs, gewinne SAP Marktanteile hinzu. Das Wachstumstempo würde anderen Industrien in der Tat zur Ehre gereichen: So stieg der Gesamtumsatz um elf Prozent auf 36,8 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis – nach dem europäischen Rechnungslegungsstandard IFRS – verdoppelte sich sogar auf 9,5 Milliarden Euro und landete damit über den eigenen Zielen.

Deutliche Kritik übte Klein am regulatorischen Umfeld in der EU. Zu zersplittert sei es, wenig konsistent und zu umfassend. Dieser Rahmen sei schon für SAP nicht gut, aber viele Start-ups könnten damit gar nicht umgehen. „ Wir brauchen eine pragmatische Regulierung in der gesamten EU, dafür müssen auf Länderebene Regeln wegfallen“. Genau das sei aber nicht der Fall. „Das ist, als ob Sie 100 Ärzte zu einem Problem konsultieren, und Sie bekommen 100 Antworten“

Eine Digitalsteuer lehnte Klein erwartungsgemäß ab. „Unsere Wirtschaft braucht die beste Technologie, um im Weltmarkt bestehen zu können.“ Die Digitalsteuer sei dafür ein Hindernis. „Sie wird Kunden entweder bewegen, weniger KI einzusetzen, oder die Preise steigen. Und dann zahlen es wieder die Unternehmen in Europa.“

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