Afghanistanexperte: Konflikt mit Pakistan wird immer wieder sprießen


interview

Stand: 27.02.2026 • 17:33 Uhr

Der Grenzkonflikt zwischen Afghanistan und Pakistan ist erneut eskaliert. Afghanistanexperte Thomas Ruttig hält die Einordnung als offener Krieg für gerechtfertigt – sieht aber auch Chancen für eine diplomatische Lösung.

tagesschau24: Seit Oktober gilt eigentlich eine Waffenruhe zwischen Pakistan und Afghanistan. Der pakistanische Verteidigungsminister sprach nun von einem „offenen Krieg“. Ist dieser Konflikt jetzt genau das?

Thomas Ruttig: Ja, der Konflikt, der ja schon seit vielen Jahrzehnten existiert, ist jetzt offen ausgebrochen. Beide Seiten haben gegenseitig sogar ihre Hauptstadt bombardiert, nicht nur Grenzgebiete. Das ist schon ein offener Krieg.

tagesschau24: Die Taliban gaben an, es habe vor ihren eigenen Angriffen wiederum Grenzverletzungen und Angriffe durch pakistanische Streitkräfte gegeben. Wie weit muss man in diesem Konflikt zurückgehen, um den wahren Ursprung zu sehen?

Ruttig: Tatsächlich muss man dazu mehr als 100 Jahre zurückgehen. Das hat damit zu tun, dass die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan von Afghanistan nicht als solche anerkannt wird, von keiner der bisherigen Regierungen. Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Briten den Afghanen eine Grenze aufgezwungen. Und darüber streiten sich beide Länder immer noch. Pakistan ist ein Erbe des kolonialen Britisch-Indien. Als Britisch-Indien 1947 geteilt wurde, entstanden Indien und Pakistan. Und da hat sich dieser Grenzkonflikt weiter verlängert.

Seit der letzten Machtübernahme der Taliban Mitte 2021 gab es bereits fünf Mal ähnliche Episoden mit etwas längeren Kämpfen auf beiden Seiten. Im letzten Oktober war es sehr intensiv.

Im Moment können wir noch nicht sagen, wie groß die Schäden (bei den aktuellen Angriffen, Anm. d. Red.) und die Opferzahlen sind, beide Seiten agieren mit sehr hohen Zahlen. Die Pakistaner sagen zwischen 100 und 150, vor allem Soldaten auf der afghanischen Seite, seien getötet worden. Die Taliban verwenden für Pakistan ein bisschen niedrigere Zahlen. Aber das muss man alles mit sehr großen Misstrauen betrachten. Da wird häufig auch übertrieben.

Zur Person

Thomas Ruttig ist Mitbegründer der unabhängigen Denkfabrik Afghanistan Analysts Network Kabul/Berlin. Ruttig ist Diplom-Afghanist, politischer Analyst, Autor und Berater. Insgesamt lebte er mehr als 13 Jahre in Afghanistan, unter anderem als Botschaftsmitarbeiter der DDR und der Bundesrepublik sowie für die UN und als stellvertretender EU-Sondergesandter.

„Es könnte sich um asymmetrischen Krieg handeln“

tagesschau24: Wenn wir militärisch auf diesen Konflikt schauen, ist die Armee Pakistans den Milizen der Taliban in Zahlen und militärisch klar überlegen. Können die Taliban überhaupt etwas erreichen?

Ruttig: Ja, es könnte sich wieder um einen asymmetrischen Krieg handeln, wenn es jetzt so weitergeht. Im Moment scheint ja erstmal – hoffentlich nicht nur vorübergehend – Ruhe zu herrschen. Aber zwischen 2001 und 2021 haben wir erlebt, dass auch eine hochgerüstete Armee wie die der USA mit all ihren Verbündeten es nicht geschafft hat, die Taliban zu besiegen. So ähnlich stellen die Taliban sich das auch jetzt vor.

Pakistan agiert bis jetzt grenzüberschreitend. Es ist natürlich nicht ins Land gegangen – dann könnte es für Pakistan auch ganz gefährlich werden. Da muss man jetzt sehen, wie sich das entwickelt.

Welche Rolle spielt Verbindung zu Indien?

tagesschau24: Der pakistanische Verteidigungsminister warf den Taliban vor, Verbündete Indiens zu sein. Indien ist ja der Erzfeind Pakistans. Welche Rolle spielt denn die Feindschaft Pakistans mit Indien im aktuellen Konflikt?

Ruttig: In demselben Posting in den sozialen Medien, in dem der pakistanische Verteidigungsminister vom offenen Krieg gesprochen hat, hat er den Taliban vorgeworfen, sie hätten ihr Land Afghanistan in eine Kolonie Indiens verwandelt. Das ist natürlich Quatsch, ehrlich gesagt. Natürlich gibt es Beziehungen zwischen Indien und Afghanistan, auch unter den Taliban. Das hat sich in den letzten Jahren verbessert – im Grunde im Gleichklang mit einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan.

Man muss ja auch sagen, dass Pakistan die afghanischen Taliban über viele Jahrzehnte unterstützt hat. Und da hat man sich natürlich Dankbarkeit erwartet und dass die Taliban eben auch pakistanischen Forderungen entgegenkommen – zum Beispiel einer Ausweisung von Kämpfern der pakistanischen Talibanbewegung, die sich zumindest nach pakistanischer Ansicht in Afghanistan befinden.

Die Taliban haben das abgelehnt. So wie sie es auch in den vorangegangenen Kriegen getan haben, als die USA sie aufgefordert hatten, Al Kaida auszuliefern. Also das ist alles eine ganz lange Geschichte. Die geht auch auf den sowjetischen Krieg in Afghanistan zurück. Dort hat Pakistan immer bewaffnete Aufstandsbewegungen in Afghanistan unterstützt, sowie auch die Afghanen auf der pakistanischen Seite.

Das hat sich in der Vergangenheit immer wieder zu Konflikten hochgekocht. Wir können jetzt nur hoffen – für die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten, die es ja meistens trifft -, dass Bemühungen, auch regionaler Staaten wie der Türkei, zum Erfolg führen, diesen Konflikt zumindest erst mal diplomatisch zu beruhigen. Aber die über 100 Jahre alte Grenzziehung bleibt das Grundproblem. Und wenn die nicht gelöst wird, wird dieser Konflikt – oder hat zumindest das Potenzial, immer wieder auszubrechen und dann auch zu vielen Opfern zu führen.

Taliban erfahren in Verhandlungen

tagesschau24: Sie sprechen schon die diplomatische Schiene an. Die Taliban selbst sagen, sie wollen den Konflikt durch Gespräche beenden. Wie glaubhaft ist das denn?

Ruttig: Ich glaube, das ist genauso glaubhaft wie das, was die Pakistaner sagen. Sie sagen ja auch, sie haben lange versucht, mit den afghanischen Taliban eine diplomatische Lösung zu finden, unter anderem auch über die Flüchtlings- und Terrorismusfrage, wie sie das bezeichnen. Das hat zu nichts geführt.

Aber die Taliban sind natürlich nach 40 Jahren Krieg in Afghanistan auch daran interessiert, das Land wieder aufzubauen und vor allen Dingen auch ihre Kontrolle in diesem Land zu bewahren. Und wenn es jetzt schon wieder zu einem Krieg, zu einer Bedrohung von außen kommt, könnte das natürlich auch ihr Regime ins Wanken versetzen. Und daran sind sie nicht interessiert. Insofern sind sie schon an diplomatischen Lösungen interessiert.

Sie sind da ja auch nicht ganz ohne Erfahrung. Sie haben es auch geschafft, auf diplomatischem Wege die US-Truppen und ihre Verbündeten 2021 aus dem Land zu bekommen. Also sind auch dort sehr gewieft. Man muss jetzt sehen, wie es weitergeht.

Das Gespräch führte Ralph Baudach, tagesschau24. Für die schriftliche Version wurde das Interview an die Schriftsprache angepasst.

Source: tagesschau.de