AfD-Wahlparty in Prenzlau: Warum es dieser AfD schwerfällt, Wahlen zu Vorteil verschaffen

An dem Tag, an dem die AfD bundesweit auch in seriöseren Umfragen erstmals vor der Union liegt, bei einer etwaigen Bundestagswahl also die meisten Stimmen erhalten würde und somit aktuell als stärkste politische Kraft in Deutschland angesehen werden muss, verliert in der Uckermark der AfD-Kandidat deutlich die Landratswahl. Ein weiteres Mal entscheidet sich der Souverän im entscheidenden Moment gegen eine faktische Übertragung politischer Verantwortung an jene Partei, die gerade so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht wie keine andere.

Es ist ein interessantes wiederkehrendes und daher mittlerweile auch empirisch belegbares Muster, dass AfD-Kandidaten in kommunalen beziehungsweise regionalen Abstimmungen in Stichwahlen kommen, dann aber verlieren. Im Saale-Orla-Kreis war das so, in der Südlichen Weinstraße, in Vorpommern-Rügen, Spree-Neiße, Elbe Elster und nun eben auch im Landkreis Uckermark. Während die Bürger öffentlich offenbar immer bereitwilliger angeben, die AfD zu favorisieren, wählen sie sie im Geheimen dann doch nicht. Jedenfalls nicht in so ausreichender Zahl, dass aus ihrem ernst gemeinten Protest ein politischer Ernstfall würde.

Wenn es hart auf hart kommt, fürchtet man den Imageschaden, den eine AfD-Regierung für das Ansehen einer Region, für ihre Wirtschaft, ihren Tourismus, ihre Partnerschaften bedeuten würde, offenbar mehr, als man sich vom berühmten Zeichen gegen „die Altparteien“ verspricht.

Eine Behauptung, die im Rechtsstreit endet

Und doch: 21.800 Stimmen hat Felix Teichner, der fünfunddreißigjährige AfD-Landratskandidat bekommen. Rund 10.000 Stimmen weniger als die einundsechzigjährige Amtsinhaberin Karina Dörk von der CDU. Diese wurde im Wahlkampf nicht nur von allen anderen Fraktionen im Kreistag, sondern auch mit 38.000 Euro von der progressiven Mobilisierungsinitative Campact und Vertretern der evangelischen Kirchen unterstützt.

Auf der anderen Seite war die Unterstützung eher mau, sodass Teichner sogar Gefolgschaften fingieren musste: „Am Sonntag würde Heino Felix wählen“, behauptete er mit schwarzer Sonnenbrille vor wehender Deutschlandfahne in einem Post – und bekam postwendend eine Unterlassungsklage sowie eine Schadenersatzforderung in Höhe von 250.000 Euro. Auch wenn der greise Barde mitunter selbst bereitwillig vor „Messerstechern“ warnt und sich einen Trump für Deutschland wünscht – mit der AfD und insbesondere diesem Felix aus der Uckermark will er nichts zu tun haben.

Am Wahlabend trifft sich die uckermärkische AfD am Rande der Kreisstadt Prenzlau in einem sogenannten „Freizeitzentrum“. Der Name fordert zum sofortigen Widerspruch auf, ist ein haarsträubender Euphemismus für diese düstere Funktionsimmobilie. Aber sie liegt aus AfD-Sicht strategisch günstig neben dem ehemaligen Verwaltungsgebäude eines Armaturenwerks, das nach dem Willen der Landrätin zu einer zweiten Flüchtlingsunterkunft hätte umgebaut werden sollen. Teichner und seine Parteifreunde haben dagegen mit aller Kraft mobilisiert und den Umbau verhindert – ein großer Erfolg, aus dem sie die Chance für eine politische Machtübernahme abgeleitet haben. Jetzt ist die Enttäuschung umso größer.

Jetzt ist die Enttäuschung umso größer

An diesem sturmregnerischen Abend sitzt Teichner vor etwa sechzig seiner Anhänger und nimmt konzentriert die eingehenden Wahlergebnisse zur Kenntnis. Das Cola-Glas neben dem Laptop zeugt von der gedämpften Stimmung. Vorne beim Eingang hat der Landesverband ein großes AfD-Banner aufgestellt, damit im Fall der Fälle Pressestatements vor dem richtigen Hintergrund abgegeben werden können – aber nun ist fast niemand gekommen. Teichners spitzbübisches Gesicht, das überall im „blauen Land“ (so der onomatopoetische Titel einer aktuellen RBB-Dokumentation über ihn) von den Wahlplakaten herunterstrahlte, hat einen matten Überzug bekommen, aber sein lokalpatriotisches Selbstbewusstsein wirkt von der Niederlage unberührt.

Ein spitzbübisches Lächeln: AfD-Kandidat Felix Teichner auf einem WahlplakatSimon Strauß

Auf die Frage, was ohne ihn an der Spitze nun an Veränderungen versäumt würde, verweist er im Gestus des pragmatischen Simson-Fahrers auf die Schließung einer Rettungswache im Nachbardorf und die fehlende Neuordnung eines Trinkwasserschutzgebiets. Außerdem bleibe die Verwaltung so ineffizient und gutsherrenhaft wie bisher – Teichner zeigt auf jemanden im Kreis seiner anwesenden Unterstützer, der zwei Jahre auf eine Antwort zu seinem Bauantrag gewartet habe. „Zwei Jahre – können Sie sich das vorstellen?“

Ganz unvorstellbar ist es nicht. Es scheint jedenfalls nicht nur Russlandliebe und Fremdenfeindlichkeit zu sein, die Bürger gerade zur AfD drängt, sondern auch die Begegnung mit einer Staatlichkeit, die ihr Leben übertrieben schwer macht. Die Übertreibungen von der einen führen zu Übertreibungen auf der anderen Seite – so kommen Umfragen zustande.

Teichner selbst macht für seine Niederlage interessanterweise auch fehlende Unterstützung aus der Bundes-AfD verantwortlich, nur mit 2000 Euro habe die angebliche Kümmerer-Partei vor Ort ihren bundesweit potentiell zweiten Landrat unterstützt. Ist die Enttäuschung über seine verlorene Wahl also auch eine Enttäuschung über das verlorene Lokal-Ethos seiner Partei? Teichner schaut auf sein Cola-Glas und lächelt traurig. Von den Großen im Stich gelassen, weder von Heino noch von Tino Chrupalla unterstützt, setzt er sich allein ein neues politisches Lebensziel: „Ich möchte Bürgermeister von Prenzlau werden“, sagt Felix Teichner und trinkt einen großen Schluck.

Source: faz.net