Dieses Buch beginnt mit einer sehr steilen These. Ostdeutschland verabschiede sich von der Demokratie, schreibt Jana Hensel, aber sie fängt das noch auf der gleichen Seite zumindest etwas wieder ein: „Ein immer größer werdender Teil der Ostdeutschen will diese Demokratie nicht mehr.“ Das bestätigt der neueste „Deutschlandmonitor“, in dem zwar 98 Prozent der Deutschen (in West und Ost!) angeben, Demokratie gut zu finden. Doch mit dem Funktionieren derselben sind im Osten lediglich 51 Prozent zufrieden, im Westen allerdings auch nur 62 Prozent. Zu Panik besteht demnach wenig Anlass, aber Deutschland, und hier vor allem der Westen, sucht nun mal – noch dazu in einem Jahr mit mehreren Landtagswahlen – händeringend nach Antworten, warum der Anteil an AfD-Wählern im Osten so groß ist und auch im Westen wächst.
Im Osten kann man dafür durchaus Erklärungen finden, vorausgesetzt man ließe sich drauf ein. Stattdessen fallen in der auch 36 Jahre nach der Einheit westdeutsch geprägten öffentlichen Meinung die Reaktionen auf das Buch meist wie gehabt aus: Der Osten habe eben eine autoritäre Prägung, vor der man im Westen doch gefeit sei. Ende der Befassung. Übersehen wird dabei, dass in Ländern rings um Deutschland, darunter gerade auch in solchen, die nie eine Diktatur waren, rechtspopulistische Parteien längst so groß wie die AfD sind. Ostdeutschland ist so gesehen der Normal- und Westdeutschland (noch) der Sonderfall.
Mit Geld lässt sich kein politisches Wohlverhalten kaufen
Auf der Suche nach Ursachen beschreibt Hensel die Jahre seit der Wiedervereinigung aus ostdeutscher Sicht: Die Neunzigerjahre, die Jahre der Transformation zur Marktwirtschaft, in denen vier Millionen vorwiegend junge Menschen den Osten verlassen haben. Die offizielle Arbeitslosenquote lag bei mehr als 20 Prozent und inoffiziell mehr als doppelt so hoch, ganze Jahrgänge wurden in den Vorruhestand geschickt. Und dennoch herrschte politische Stabilität: In allen fünf Ostländern regierten altbundesrepublikanische Parteien. Anders als in den Ländern Osteuropas, die ähnliche Transformationserfahrungen durchlebten, gelten in Ostdeutschland mit der Wiedervereinigung auch westdeutsche Sozialstandards.
Der Trugschluss des Westens ist jedoch, dass sich mit Geld auf Dauer auch politisches Wohlverhalten kaufen lässt. Schon in den Neunzigern wuchs im Osten die SED-Nachfolgepartei PDS, und zwar umso stärker, je irritierter der Westen sich darüber zeigte. Hensel beschreibt dies korrekt auch als Protest gegen tatsächliche und gefühlte Bevormundung des Ostens, angefangen von der Nichtanerkennung von Berufsabschlüssen über die allgegenwärtige Dominanz Westdeutscher in Regierungen und Institutionen bis hin zu einer weitgehenden Ignoranz ostdeutscher Belange in gesamtdeutschen Medien, die meist nur, und dann auch noch stereotypenhaft, hinschauen, wenn im Osten etwas westdeutschen Normen und Erwartungen zuwiderläuft. Dann folgen Belehrungen und der Vorwurf der Undankbarkeit.
Mit ihrer Stimme für die PDS liefen die Ostdeutschen gegen den Westen Sturm. Der Osten protestierte damals links, schreibt Hensel, aber das war wohl eher Zufall. Es verschaffte vielen Befriedigung, wie sich das westdeutsche Establishment an Wahlabenden angesichts des nach oben rasenden PDS-Balkens echauffierte. Der Effekt jedoch schwand, je mehr sich die Partei etablierte – 2014 stellte sie in Thüringen sogar den Regierungschef. Das Gefühl im Osten aber, nicht ganz für voll genommen zu werden, blieb.
Hausbesuche bei Protestwählern
Längst haben Protestwähler im Osten ein neues Schockmittel für den Westen: die AfD. Die Reaktionen aus dem Westen und das Rache-Motiv Ost ähneln denen auf die PDS-Erfolge zwanzig Jahre zuvor, doch wächst die Wählerschaft der Partei diesmal auch im Westen. Die Lage wird also ungemütlich, auch weil es eine gesamtdeutsche Kernwählerschaft gibt, welche die Partei explizit wegen ihres Programms und globaler Entwicklungen (Migration, Wohlstandsverteilung, Krieg) wählt.
Dem im Osten größeren Anteil an Protestwählern versucht Hensel über Hausbesuche näherzukommen. Sie trifft sich mit den AfD-Politikern Tino Chrupalla und Maximilian Krah, dem einstigen Tagesschau-Redakteur Alexander Teske und der früheren Grünen-Politikerin Antje Hermenau. Die Gespräche, die sie im Kapitel „Die Abgedrifteten“ vereint, sind eindrücklich. Sie zeugen von beruflichen Niederlagen und einer großen Fremdheit in der Bundesrepublik, einem fehlenden Vertrauen in Institutionen, die bei manchen in Zerstörungslust münden.
An einigen Stellen aber zeigt Hensel zu viel Verständnis: Ja, Deutschland steckt im Reformstau, die Bürokratie ist aus dem Ruder gelaufen, Verwaltungen agieren oft verhindernd und bevormundend, sodass unabhängig von Wahlen der Eindruck herrscht, es ändere sich nichts. Der Unmut ist berechtigt, auch weil es im Osten, wo die Polster nicht so dick sind, schnell existenzbedrohend wird.
Manche Ostdeutsche haben sich in die Opferrolle begeben
Doch tragen auch die Menschen eine Verantwortung, aus der man sie nicht so leicht entlassen sollte. Eine zu große Minderheit Ost hat sich in einer Opferrolle eingerichtet und will, so scheint es, dort auch gar nicht mehr heraus. Dabei darf man schon fragen, wohin es denn führen soll, vor lauter Frust dem Umsturz das Wort zu reden oder autoritäre Parteien zu wählen. Der in der DDR berechtigte Verweis auf „die da oben“, gegen die man machtlos sei, gilt in einer repräsentativen Demokratie nicht mehr. Eigenes Engagement, ob in Parteien oder Kommunalparlamenten, ist aber kaum vorhanden. Stattdessen herrscht gegenüber der Politik oft eine Bestell- und Liefermentalität, und Kompromisse, ohne die ein friedliches Zusammenleben unmöglich ist, werden verachtet.
Hensel jedoch schreibt, dass „der Kern der AfD-Wählerei in Ostdeutschland“ die Quittung dafür sei, „dass bisher jede Bundesregierung über viele Probleme und Antworten aus dem Osten hinweggegangen“ wäre. Sie zitiert Manuela Schwesig, die Regierungschefin Mecklenburg-Vorpommerns, die sie ebenso wie die thüringische BSW-Ministerin Katja Wolf besucht hat und im Kapitel „Die Wehrhaften“ beschreibt. Besonders das Gespräch mit Wolf ist lesenswert, stellt es doch viele Ost-Vorurteile und Rechts-links-Schemen auf den Kopf.
Beide Politikerinnen versichern aber, sicherlich in bester Absicht, sich zu „kümmern“ und den Osten vor Unbill bewahren zu wollen. Dabei wäre es tatsächlich mal ein Fortschritt, sich nicht länger kümmernd über Ostdeutsche zu beugen („Ostbeauftragte“), sondern ihnen auch gezielt zu widersprechen, sie in Verantwortung zu nehmen, kurz, sie endlich wie erwachsene Bundesbürger zu behandeln.
Jana Hensel: „Es war einmal ein Land“. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau Verlag, Berlin 2026. 263 S., geb., 22,– €.
Source: faz.net