AfD-Vereinnahmung in dieser Kritik: Die vergessene Geschichte dieser legendären Simson-Mopeds

AfD-Vereinnahmung in der KritikDie vergessene Geschichte der legendären Simson-Mopeds

17.02.2026, 17:41 Uhr Von Friederike Zörner
Das mit einem Zweitaktmotor angetriebene Simson-Moped „S51 B“ wurde zwischen 1980 und 1990 mehr als 1,6 Millionen gebaut. (Foto: picture alliance/dpa)

Mit einem überraschenden Aufschrei aus dem Ausland erlangt die Geschichte der Kultmopeds der Marke Simson bundesweite Aufmerksamkeit. Die Familie der jüdischen Gründer des Unternehmens aus dem thüringischen Suhl verbittet sich eine Vereinnahmung durch die AfD. Denn diese ist geradezu perfide.

Die Sonne scheint. Im AfD-T-Shirt und mit blauem Helm tuckert Björn Höcke im August 2025 durch Thüringen. Er sitzt auf einem Simson-Moped, mit einer Lackierung, die an die deutsche Flagge erinnert. Im Schlepptau hat er augenscheinlich Dutzende andere begeisterte Moped-Fans. Der Rechtsextremist frohlockt in einem Werbevideo seiner Partei zu der „Simson-Tour“: „Wir haben deutlich gemacht, wir stehen hinter der Simson. Wir stehen vor allen Dingen hinter dem Lebensgefühl, die (sic) mit diesem Kultmoped verbunden ist. Mit dem Gefühl der Freiheit, die dieses Moped vermittelt, mit dem Gefühl der Ungezwungenheit, der Ungebundenheit. Ja, und auch mit dem Traditionsbewusstsein, das hinter diesem Zweirad steht, verbinden wir uns und identifizieren wir uns.“

Was er nicht sagt: Die AfD steht zu der Geschichte des Unternehmens hinter der Simson. Denn dass ausgerechnet der gesichert rechtsextremistische Thüringer Landesverband ein Produkt hofiert, auf dem der Name einer jüdischen Kaufmannsfamilie prangt, mutet geradezu grotesk an und sorgt derzeit für Kritik. Für Höckes Partei ist die Simson das „Kultsymbol des Ostens“. Und damit hat sie nicht unrecht, zumal die Mopeds vom Typ Schwalbe, S50, S51 und Co. sich auch Jahre nach der Produktionseinstellung großer Beliebtheit erfreuen. Das knatternde Geräusch der „Simme“, wie das Moped auch liebevoll genannt wird, und ihr beißender Benzingeruch erinnern viele nicht nur an ihre eigene Jugend in Ostdeutschland, sondern begeistern auch heutzutage noch Fanklubs und Bastlergruppen.

Doch was vielen nicht bewusst sein dürfte: Der ikonische Simson-Schriftzug auf den Kleinkrafträdern ist nicht etwa ein ausgedachter Markenname, sondern steht für die gleichnamige jüdische Familie, die Mitte des 19. Jahrhunderts im thüringischen Suhl ein vielseitiges Unternehmen aufbaute. Dieser Teil der Geschichte ist laut Historikerin Ulrike Schulz „völlig unterbelichtet“, wie sie im Dezember 2024 im Interview mit dem Portal „insuedthueringen.de“ erzählte. Sie ist Autorin des Buches „Simson. Vom unwahrscheinlichen Überleben eines Unternehmens 1856-1993“.

Der Simson Supra als Museumsstück: Er war auch als „Rolls Royce von Suhl“ bekannt. (Foto: IMAGO/Karina Hessland)

„Ich bezweifle, ob es den Zweirad-Fans bewusst ist, dass ihre Mopeds und Motorroller auf ein Unternehmen einer jüdischen Kaufmann- und Händlerfamilie zurückgehen. Das ist für die Fangemeinde gar nicht so wichtig, denke ich“, sagte Schulz. Sie erlebe „immer wieder ein großes Erstaunen, dass es nicht ein Fantasie- oder Patentname ist. Außerhalb von Suhl weiß nach wie vor kaum jemand, dass es der Familienname der Unternehmer ist. Und auch in Suhl ist es nicht allen so wichtig, dass die Familiengeschichte der Simson genauso gewürdigt wird wie die Produkte.“

Firmen-Grundstein vor 170 Jahren gelegt

Dank der Recherche von Wissenschaftlerin Schulz, Gesprächen mit Nachfahren und Archivmaterial lässt sich die Geschichte des in Vergessenheit geratenen Unternehmens rekonstruieren. Das Leo Baeck Institute (LBI) hat eine Podcast-Folge zu den Simsons produziert und zeichnet darin den Leidensweg der jüdischen Familie vom Beginn des Nationalsozialismus bis in die 1990er Jahre, als eine erneute Übernahme des Betriebs durch die Erben scheiterte, nach. Die Brüder Löb und Moses Simson gründeten die Firma Simson & Co. 1856. Das Unternehmen begann zunächst als Waffenschmiede und produzierte unter anderem Gewehre. Später kamen auch Fahrräder und Autos hinzu. Dazu zählte etwa der „Rolls Royce von Suhl“, der Rennwagen Simson Supra, der damals mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde neue Maßstäbe setzte.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs stieg der Bedarf an Rüstungsgütern enorm. Die Firma wuchs. Nach dem Ende des Krieges und der Kapitulation des Deutschen Reichs sah der Versailler Vertrag die Simson-Werke als alleinigen Ausstatter der deutschen Reichswehr mit Waffen vor. Der aufsteigenden NSDAP war vor allem dieser Umstand ein Dorn im Auge. Fritz Sauckel, ein mit Adolf Hitler vertrauter Nationalsozialist und Gauleiter in Thüringen, startete bereits Ende der 1920er Jahre laut LBI eine Hetzkampagne gegen die jüdische Familie. Er behauptete, sie würden das deutsche Heer um zehn Millionen Mark betrügen und forderte, das Waffengeschäft in staatliche Hände zu geben. Er war demnach entschlossen, das Unternehmen zu enteignen. Mit der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 kam er diesem Ziel sehr schnell nahe. Wie der MDR in einer Chronologie zu den Simson-Werken in Suhl schreibt, hissten SA-Leute kurz nach der Machtergreifung auf dem Verwaltungsgelände die Hakenkreuzfahne.

Aus einem Schreiben von Sauckel an Hitler im August 1934 zitiert der MDR, wonach die Simson-Werke in Suhl für das Deutsche Reich, „infolge ihrer Allein-Konzessionierung durch den Versailler-Vertrag für Heereslieferungen, auch heute noch infolge ihrer Monopolstellung“ größte Bedeutung hätten. „Die Inhaber, die Juden Simson, gehören zu den übelsten Vertretern ihrer Rasse. Sie haben das Deutsche Reich, das Reichswehrministerium und damit den deutschen Steuerzahler nachweislich um viele, viele Millionen durch beispiellose und skandalöse Preisspekulation übervorteilt, wenn nicht sogar betrogen“, behauptete der Gauleiter. Er bat den „Führer“ darum, Maßnahmen zu ergreifen, weil es „politisch unerträglich“ wäre, „wenn die Juden ihre alte wirtschaftliche Machtposition wieder einnehmen könnten“. Mit Erfolg: Kurze Zeit später verfügte Hitler den Angaben zufolge persönlich, der Angelegenheit im Sinne von Sauckel nachzugehen.

Die Schwalbe war zu DDR-Zeiten ein absoluter Verkaufsschlager und ist noch heute Kult. (Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Der damalige Unternehmenschef Arthur Simson wehrte sich nach Kräften gegen die haltlosen Vorwürfe und Ermittlungen. Die Familie versuchte sogar, mit einer Namensänderung zur Berlin-Suhler-Waffen und Fahrzeugwerke GmbH den Nazis die offensichtliche Grundlage für Anfeindungen zu nehmen. Dem LBI zufolge übertrugen sie unter anderem dem langjährigen Mitarbeiter Max Fischer die Verantwortung für die Geschäfte, um diesen einen „arischen“ Anstrich zu verpassen. Vergebens. Im Frühjahr 1935 wurden Arthur Simson und sein Neffe Ewald Meyer von der Gestapo festgenommen und in „Schutzhaft“ gesteckt. Sie bekamen einen Abtretungsvertrag vorgelegt. Nicht zu unterschreiben, war keine Option, wie sich Ewald Meyer später erinnert. Damit war die Enteignung ihres Familienbetriebs besiegelt. Im Frühjahr 1936 gelang es der Familie, in die Schweiz auszureisen. Ein Jahr später wanderten sie in die USA aus.

Übernahmeversuch scheiterte auch nach der Wende

1939 veranlasste Gauleiter Sauckel die erneute Umbenennung in Gustloff-Werke. Das Unternehmen mit jüdischem Ursprung wurde also nach einem Schweizer Nationalsozialisten benannt, der nach seiner Ermordung durch einen jüdischen Studenten als Märtyrer verehrt wurde. Mit einer Schmierenkampagne versuchten die Verantwortlichen währenddessen, das Erbe der Familie Simson weiterhin durch den Dreck zu ziehen. Doch obwohl der Nazi-Schrecken durch die Niederlage im Zweiten Weltkrieg ein Ende hatte, gelang es den Simsons nicht, das Unternehmen zurückzuerlangen. Zunächst wurde der Betrieb von den sowjetischen Besatzern kontrolliert, anschließend wurde er in der DDR zu einem volkseigenen Betrieb umgewandelt. In den darauffolgenden Jahrzehnten begann dann die Produktion der beliebten Mopeds.

Und zumindest der ursprüngliche Name tauchte dann ab 1946 wieder auf: Simson & Co. Suhl. Doch ansonsten spielte die jüdische Vorgeschichte des Betriebs in der DDR keine Rolle. „Aus offizieller Parteisicht handelte es sich dabei um beschlagnahmten Nazibesitz, der nun in Volkseigentum überführt wurde“, schreibt der MDR dazu. Im Interview mit „insuedthueringen.de“ sagte Historikerin Schulz, dass es auch in der DDR kein Interesse daran gab, „die Gewaltgeschichte aufzuarbeiten. Man hatte das Werk ja erneut enteignet. Nach 1990 konnte sich wohl niemand mehr vorstellen, dass es eine jüdische Waffenfabrik gab, der aus dem Versailler Vertrag ein Monopol zur Waffenproduktion zugesprochen wurde.“

Nach langwierigen Behördenersuchen erhielten die Simsons 1957 zumindest eine erste Millionen-Entschädigung. Das Herzstück des Unternehmens, das Werk in Suhl, bekam die Familie allerdings nicht zurück. Der Großneffe von Arthur Simson, Dennis Baum, berichtet in dem LBI-Podcast, dass er nach der Wende Anfang der 1990er Jahre zusammen mit dem bekannten Waffenfabrikanten Tom Ruger einen Versuch startete, die Simson-Waffensparte zu übernehmen. Doch die Treuhand entschied sich für einen anderen Bieter. Die Simsons erhielten laut MDR eine Entschädigung von 18,5 Millionen Mark aus dem Treuhandfonds.

1993 musste die Waffensparte des neuen Eigentümers Konkurs anmelden. 2002 wurde dann die Produktion der in der DDR so beliebten Mopeds eingestellt. Heute gibt es nur noch einen Lizenznehmer, die MZA Meyer-Zweiradtechnik-Ahnatal GmbH. Sie erwarb nach eigenen Angaben im Jahr 2003 sämtliche Lagerbestände, die meisten Werkzeuge, Vorrichtungen sowie umfangreiche Urheberrechte. Somit ist zumindest die Versorgung mit Ersatzteilen von Simson-Fahrzeugen sichergestellt. Der Hauptstandort des Unternehmens befindet sich allerdings nun nicht mehr in Suhl, sondern in Meiningen.

Simson der AfD „nicht allein überlassen“

Nun wird die Simson also zum Politikum. Gleich in mehreren ostdeutschen Landtagen waren die Mopeds in jüngster Vergangenheit ein Thema. Die AfD brachte Anträge, wie etwa in Thüringen ein, in denen die jeweilige Landesregierung aufgefordert wird, sich für die Ernennung der Simson-Kleinkrafträder zum immateriellen Kulturerbe einzusetzen und eine vereinfachte Zulassung von re-importierten Simson-Modellen zu ermöglichen. Die Regierung aus CDU, BSW und SPD reagierte und brachte im September vergangenen Jahres einen eigenen Antrag ein. Auch darin wird etwa gefordert, dass re-importierte Simsons bis zu 60 Kilometer pro Stunde fahren dürfen sollen, und nicht wie bislang 45 Kilometer pro Stunde.

Dass die AfD die Marke Simson für sich entdeckt habe, sei in dieser Sache „nicht handlungsleitend“ für die Koalition gewesen, zitierte die dpa seinerzeit den SPD-Fraktionsvorsitzenden Lutz Liebscher zu dem Antrag. Ähnlich äußerte sich demnach auch der CDU-Vorsitzende Andreas Bühl. „Das hat mit der AfD gar nichts zu tun, weil die Simson, die ist, glaube ich, erfunden worden, noch weit vor der AfD – und das ist auch gut so.“ Der BSW-Fraktionsvorsitzende Frank Augsten dagegen sagte, er selbst sei bereits damit konfrontiert worden, dass ihm Leute gesagt hätten, sie würden zu einem Simson-Treffen der AfD gehen. Deshalb habe der Koalitionsantrag sehr wohl auch damit zu tun, „dass man das der AfD jetzt nicht allein überlässt“.

Das politische Gezerre um die Kultmopeds wurde inzwischen auch in den USA vernommen. „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens“, teilte Dennis Baum als Sprecher der Familie der dpa mit. „Meine Familie und ich lehnen extremistische Ideologien entschieden ab und wollen die Inbesitznahme unseres Namens durch die AfD nicht hinnehmen.“ Der Name Simson dürfe unter keinen Umständen zum Symbol der AfD werden. Man habe eine große Tragödie erlebt, die vor allem durch Intoleranz gegenüber der jüdischen Bevölkerung geprägt gewesen sei. „Deshalb betrachten wir die Benutzung unseres Namens durch die AfD als eine Verhöhnung unserer Geschichte.“

Quelle: ntv.de

Source: n-tv.de