Auch in Rumänien schließen auf dem Land immer mehr Arztpraxen. Junge Mediziner zieht es eher in die Städte oder gleich ins Ausland. Die verbliebenen Hausärzte arbeiten weit übers Renteneintrittsalter hinaus.
Ohne Dr. Floarea Ciupitu wüssten die Menschen in Gangiova nicht, wie und wann sie medizinische Hilfe bekommen können. Floarea Ciupitu ist schon 70 Jahre alt und Ärztin aus Leidenschaft. Trotz ihres Alters betreut sie etwa 2.000 Patienten aus fünf Dörfern.
Ans Aufhören denkt sie nicht. Sie macht das, weil sie sich verantwortlich fühlt: „Es gibt hier viele kranke Menschen. In der Stadt gehst du um acht zur Arbeit und machst um ein Uhr Feierabend. Auf dem Land muss man die Patienten respektieren. Und sie sind arm hier und man muss ihnen helfen“, sagt Dr. Ciupitu der ARD.
Gangiova ist ein kleines Dorf im Süden Rumäniens. Zur bulgarischen Grenze sind es gerade mal 40 Kilometer. Weil hier viele kein eigenes Auto besitzen, macht Floarea Ciupitu auch Hausbesuche. Gerade für die Roma-Gemeinschaft ist das wichtig.
Viel Lob für die Landärztin
Zu ihren Patientinnen gehört auch eine alte Bäuerin. Als die Ärztin vorbeikommt, ist ihr Blutdruck hoch. Dr. Ciupitu gefällt das gar nicht. Mit der Tochter der Alten bespricht sie die Medikation. „Die Frau Doktor ist sehr wichtig für uns“, sagt die junge Frau. „Wann immer wir sie angerufen haben, ist sie sofort zur Untersuchung gekommen. Auch den Kindern geht es gut, sie sind gesund und gut von ihr versorgt. Meine Mutter hat acht Kinder bei ihr großgezogen.“
Die Ärztin ist beliebt und wird gebraucht. Doch wenn sie in fünf Jahren, mit dann 75 Lebensjahren, tatsächlich in Rente gehen sollte, dann könnten die Menschen hier vielleicht gar keine Hausärztin mehr haben.
Schon jetzt gibt es in etwa 180 rumänischen Ortschaften keine Arztpraxis. Allein bei Hausärzten sind laut der Ärztekammer mehr als 1.500 Stellen nicht besetzt. Die Hälfte der noch aktiven Hausärzte ist über 60 Jahre alt und steht kurz vor dem Ruhestand.
Dramatischer Ärztemangel auf dem Land
So ist die Lage im Dorf Gangiova beispielhaft für die ländlichen Regionen Rumäniens. Anders als in den Universitätsstädten oder in der Hauptstadt Bukarest, wo es oft ein Überangebot an Ärzten gibt, kommt auf dem Land meist gar kein Arzt mehr zu den kranken Menschen. Junge Ärztinnen und Ärzte zieht es häufig ins europäische Ausland, eine Entwicklung, wie es sie in vielen Ländern des Balkans gibt.
Nach Informationen des rumänischen Gesundheitsministeriums fehlen mittlerweile mehr als 30.000 Ärzte und Pflegekräfte. Rumänische Ärztevertreter forderten kürzlich die Politik zum Handeln auf, weil es seit Jahren keine Kontinuität bei der medizinischen Versorgung mehr gebe. In den ländlichen Gebieten blieben Bereitschaftsdienste unbesetzt. Es fehlten auch an Notfall- und intensivmedizinischen Einrichtungen.
Noch fünf Jahre will die Hausärztin von Gangiova für ihre Patientinnen und Patienten da sein.
40 Prozent der Ärzte wollen ins europäische Ausland
Eine Studie vom August 2025 ergab, dass rund 40 Prozent der medizinischen Fachkräfte daran denken, ins Ausland zu gehen. Die Schweiz, Deutschland, Italien oder Frankreich sind bevorzugte Länder und die Gründe für die Abwanderung seit Jahren dieselben. Im Ausland ist der Verdienst höher, die Karrierechancen sind besser, und die medizinische Technik moderner.
In Rumänien dagegen herrscht schon lange der Notstand: Die hygienischen Bedingungen in vielen Krankenhäusern gelten als problematisch. Viele Gebäude sind marode, dazu kommen defekte medizinische Geräte und chronisch überarbeitete Beschäftigte.
Bezahlung von Bereitschaftsdiensten gefordert
Andrei Baciu möchte das ändern. Baciu hat als Herzchirurg in Frankreich gearbeitet. Inzwischen sitzt er als Abgeordneter für die Nationalliberale Partei im rumänischen Parlament. Baciu kämpft dafür, dass alle Bereitschaftsdienste bezahlt werden, denn bisher machen junge Ärzte diese Dienste oft gratis.
Auch der Zugang zu Innovationen und moderner medizinischer Technik soll besser werden: „Jeder möchte schließlich an einem Ort arbeiten, der gut aussieht, modern ist, und Zugang zu neuester Technologie bietet. Das gilt auch für Ärzte“, sagt Baciu.
Wegen der Abwanderung der Mediziner hatte der neue rumänische Premierminister Ilie Bolojan vorgeschlagen, junge Mediziner zu verpflichten, einige Jahre nach ihrer Ausbildung im eigenen Land zu arbeiten. Eine Regelung, wie es sie in Albanien gibt. Doch der Vorschlag verpuffte folgenlos.
Ärztin will bis 75 weitermachen
Im kleinen Dorf Gangiova ist Dr. Floarea Ciupitu nach den Hausbesuchen jetzt wieder in ihrer Praxis, aber der Arbeitstag ist noch nicht zu Ende. Als sie ankommt, warten die Patienten schon vor der Tür. Während der Woche wohnt Dr. Ciupitu quasi in ihrer Praxis. Dann isst und schläft sie in einem Nebenraum. Bedingungen, die sich viele junge Ärzte nicht antun wollen.
Doch Floarea Ciupitu gibt nicht auf: „Man muss die ganze Zeit dazulernen, weil ständig andere Medikamente auf den Markt kommen, andere Indikationen“, sagt sie. Doch sie weiß, dass sie ihren Beruf nicht ewig wird ausüben können. In fünf Jahren, so hat sie es vor, will sie Schluss machen. Fürs erste aber erholt sich Floarea Ciuoiti in ihrem Bett in der Praxis vom Stress des Tages. Am nächsten Tag wird sie wieder da sein für Gangiova und ihre 2.000 Patienten.
Source: tagesschau.de