Ärzte ohne Grenzen: „Die meisten haben Angst, wieder enttäuscht zu werden“

Die Krankenpflegerin Katja Storck ist derzeit für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Gaza. Es ist ihr zweiter Einsatz in diesem Jahr. Im Zoom-Gespräch erzählt die 31-Jährige am Freitagmittag, wie sie die vergangenen Tage erlebt hat. 

DIE ZEIT: Frau Storck, vor weniger als zwei Tagen kündigte US-Präsident Donald Trump an, man habe sich auf einen Friedensplan zwischen Israel und der Hamas geeinigt. Spüren Sie davon etwas? 

Katja Storck: Die Menschen in Gaza haben die Nachricht vorsichtig optimistisch aufgenommen. Sie waren froh, dass sich etwas ändert, aber anfangs wusste auch niemand so genau, wann es mit dem Waffenstillstand eigentlich losgehen soll. Das scheint vor wenigen Minuten der Fall gewesen zu sein. In den vergangenen Tagen haben wir weiterhin Bombenangriffe und Artilleriefeuer gehört, wenn auch weniger als vorher. Es sind Kampfjets über Gaza geflogen. Jetzt ist es ruhig. Unser Krankenhaus ist nicht weit von der Küstenstraße entfernt, die ist gerade voll mit Menschen, die zurückgehen in den Norden, in der Hoffnung, dort noch irgendetwas zu finden – ihr Haus, Habseligkeiten oder Menschen, die sie zurückgelassen haben. 

ZEIT: Wie nehmen Sie die Stimmung der Menschen wahr? 

Katja Storck, 31, ist Krankenpflegerin bei Ärzte ohne Grenzen. Sie ist derzeit zum zweiten Mal in Gaza im Einsatz.

Storck: Die meisten haben Angst, wieder enttäuscht zu werden. Der letzte Waffenstillstand hat auch kaum drei Monate gehalten. Niemand hier weiß, wie es nach der ersten Phase des jüngsten Abkommens weitergehen soll. Manche wollen auch einfach eine Nacht durchschlafen oder ihre Kinder etwas beruhigter zum Spielen auf die Straße schicken. Das ist aber alles kurzfristig. Es wird Jahre und Jahrzehnte dauern, alles wieder aufzubauen. Jeder hat Angehörige verloren, Freunde, Ehepartner, Kinder. Ein palästinensischer Kollege sagte gestern zu mir: „Ich war die ganze Zeit im Überlebensmodus. Wenn ich mich jetzt hinsetze, kommen mir all diese Gedanken wieder.“ Er hat Angst, sie zuzulassen.

ZEIT: Schlägt sich die neue Lage auch in der humanitären Versorgung nieder? 

Storck: Dafür ist es noch zu früh. Es gibt Ankündigungen, dass mehr Hilfsgüter reinkommen sollen, die brauchen wir auch dringend. Es fehlen nach wie vor viele Medikamente und Material für Operationen. Bei den Nahrungsmitteln ist es nicht anders. Wir hoffen, dass bald die UN – wie im Plan vorgesehen – wieder in Gaza arbeiten können und die Verteilung der Hilfsgüter übernehmen. Das wäre sehr erleichternd für alle. 

ZEIT: Das sind die Hoffnungen. Wie ist aber aktuell die Lage in Gaza? 

Storck: Die letzten Wochen waren schwer. Wir sind im Zentrum des Gazastreifens in Deir al-Balah. Mit der israelischen Offensive auf Gaza-Stadt hatten wir viele Patienten, die aus dem Norden kamen, weil dort die Versorgungslage noch schlechter ist. Manche von ihnen haben sich mit letzter Kraft zu uns geschleppt, zum Teil mit infizierten, schlecht versorgten Wunden. Und wir waren ja vor diesem Ansturm schon am Limit. Manchmal war ich froh, wenn die Patienten ihre eigenen Matratzen mitbrachten. 

ZEIT: Infektionen, Verletzungen, Hunger – womit kämpfen die Menschen am meisten?  

Storck: Wir sehen viele Kriegsverletzungen. Schwere Verbrennungen, komplizierte Fraktionen, Amputationsverletzungen. Die Menschen bräuchten mehrfache Operationen, die wir gar nicht leisten können. Unsere Chirurgen arbeiten ohne Pause. Dann fehlen die Medikamente, auch für Krankheiten, die es schon vor dem Krieg gab: Bluthochdruck, Diabetes und so weiter. Hinzu kommt die Mangelernährung. Die ist an sich schon ein Problem, aber sie verzögert zusätzlich den Heilungsprozess und schwächt die Kranken noch weiter. 

ZEIT: Sie sind unter anderem dafür verantwortlich, medizinisches Material zu organisieren. Israel lässt allerdings kaum Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Woher kriegen Sie also das Material?  

Storck: Wir rechnen im Team den ganzen Tag durch. Wir haben Exceltabellen, in denen der Bedarf vermerkt ist und unsere Bestände gelistet sind. Wir schieben dann ständig hin und her, tauschen uns mit anderen Hilfsorganisationen aus. Die wenigen Lieferungen, die reingelassen werden, versuchen wir dementsprechend präzise zu beladen und zu priorisieren.  

ZEIT: Die israelische Armee blockiert auch manche Dinge, weil sie sie für gefährlich hält.  

Storck: Rollstühle sind zum Beispiel schwer reinzubekommen. Wir haben aber nicht wenige Patienten, die beide Beine verloren haben. Wenn es Kinder sind, werden sie dann etwa von ihren Eltern aus dem Krankenhaus getragen. Andere müssen nach ihrer Entlassung mit einem Eselskarren abtransportiert werden. Dann werden sie in ein Zelt gesetzt und können sich von dort nicht mehr weg bewegen. 

ZEIT: Selbst wenn wir noch nicht von einem langfristigen Plan für eine Zeit nach dem Krieg sprechen, sondern nur von einer Stabilisierung der Lage unter einem Waffenstillstand: Wie lange würde es dauern, die Notlage zu beheben? 

Storck: Wir reden von Monaten. Derzeit können wir nur versuchen, zu verhindern, dass die Patienten sterben. Mangelernährte Kinder wieder aufpäppeln, Brandverletzungen versorgen, Prothesen anfertigen – das alles dauert. Das gesamte Gesundheitssystem ist zusammengebrochen. Die WHO hat allein 18.000 Menschen auf einer Evakuierungsliste, die hier gar nicht versorgt werden können, Dialyse- oder Krebspatienten etwa. Und bei vielen dürften diese schwersten Erkrankungen noch gar nicht entdeckt sein.  

ZEIT: Sie sind seit sechs Wochen im Einsatz, waren davor schon einmal ab Ende Mai für einige Wochen in Gaza. Ist es diesmal anders? 

Storck: Die Situation war damals schon schwerwiegend. Als ich zum ersten Einsatz kam, wurde gerade die Totalblockade der Hilfslieferungen zumindest teilweise aufgelöst. Mangelernährung war das größte Problem. Wir konnten nicht einmal unseren Mitarbeitern Essen anbieten. Dann hat die Gaza Humanitarian Foundation die Verteilung übernommen, ab da hatten wir jeden Tag massenhaft Schussverletzungen zu behandeln. Im Sommer hatte sich dann schon einmal etwas Hoffnung auf einen Waffenstillstand eingestellt, die sich dann komplett zerschlagen hat. Als ich Anfang September wiederkam, konnte ich sehen, wie resigniert und hoffnungslos die Menschen nach fast zwei Jahren Krieg waren.  

ZEIT: International wird nun viel über Perspektiven für ein Nachkriegsgaza gesprochen. Ist das bei den Menschen in Gaza auch ein Thema oder geht es da erst einmal um das kurzfristig Wesentliche? 

Storck: Beides. Wobei generell nicht viel politisch diskutiert wird, soweit ich das mitbekomme. Viele haben Angst, ihre Meinung laut zu äußern. Manche sagen auch: Wir können es sowieso nicht ändern. Die Menschen fragen sich eher: Steht mein Haus noch? Was kosten die Lebensmittel morgen? Werde ich eine Arbeit finden? Ich spreche allerdings kein Arabisch. Was die Leute untereinander besprechen, kann ich also nicht beurteilen.  

ZEIT: Ihr Einsatz geht noch bis Ende Oktober. Werden Sie auch etwas Positives mit nach Hause nehmen? 

Storck: Auf jeden Fall den Zusammenhalt im Team. Es ist jeden Tag aufs Neue faszinierend, wie die Menschen, vor allem die lokalen Kollegen, sich aufraffen, nach all ihren Verlusten. Wie sie mit einem Lächeln zur Arbeit kommen und nicht nur 100, sondern 150 Prozent geben. Das macht mich demütig.  

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