Warum ist eigentlich, wenn über Filme gesprochen wird, so selten von Kameras die Rede? Als Adolf Winkelmann „Jede Menge Kohle“ drehen wollte, seinen zweiten Meilenstein des Ruhrgebietskinos, lieh er sich in London zwei Kameras: Eine Newman-Sinclair-Federwerk-Kamera von 1930 und eine Panaflex. Die Federwerk-Kamera war die einzige Möglichkeit, wichtige Szenen des Films zu drehen, die unter Tage spielten, auf der 9. Sohle der Zeche Gneisenau. Elektrische Geräte waren hier aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, nicht einmal Quarzarmbanduhren.
Der Filmkünstler und Geschichtenerzähler Winkelmann, der vom Kurz- und Experimentalfilm kam, dachte stets innovativ und pragmatisch zugleich. Mit „Nordkurve“ drehte er 1992 den ersten deutschen Spielfilm, der digital geschnitten wurde. Aber jetzt, in 840 Meter Tiefe unter Winkelmanns Heimatstadt Dortmund, musste Kameramann David Sláma mit der Federwerk-Kamera ein Museumsstück einsetzen, um den Beginn der Geschichte eines jungen Bergmanns zu erzählen, die Winkelmann auf einem Zettel skizziert hatte, der in seiner Küche hing: „Aus 1000 Metern Tiefe taucht Katlewski auf, und keiner weiß, woher er kommt. Er hat kein Gepäck dabei, das kann er auch nicht brauchen. Katlewski kommt, um abzurechnen. Erst hat er schlappgemacht, jetzt will er pampig werden“.
Die stringente Kurzfassung der Filmhandlung vermittelt einen guten Eindruck von den besonderen Qualitäten der Sprache des Ruhrgebiets: „Wir können mit sehr wenig Wörtern, wenig Endungen, abenteuerlichen Präpositionen und ganz ohne Genitiv sehr präzise Aussagen machen.“ Und weil man das auf keiner Schauspielschule lernt, arbeitete Winkelmann mit begnadeten Laiendarstellern wie Delle Quandt und Ludger Schnieder vom Dortmunder Lehrlingstheater, neben denen sich auch Filmgrößen wie Hermann Lause und Martin Lüttge erst einmal behaupten mussten.
„Jede Menge Kohle“ erzählte wie zuvor „Die Abfahrer“ von einem Aufbruch, der unternommen wird, um zu ändern, was unter den herrschenden Verhältnissen nicht zu ändern ist: das eigene Leben. Es sind Geschichten vom Scheitern, in denen das Scheitern indes weit zurücktritt hinter den entscheidenden Moment eines Aufbruchs, dem eine lange Phase völligen Stillstands vorausgegangen war. Wer daran etwas ändern wollte, war schon nicht mehr der, der er war, als er noch alles hingenommen hat. In diesem großen kleinen Schritt hin zu einem anderen Leben erfüllt sich der Heroismus von Winkelmanns Antihelden ebenso wie er sich in ihm erschöpft.
Katlewski marschiert unter Tage von Recklinghausen nach Dortmund, etwa dreißig Kilometer lang durch Stollen, Strecken, Schächte. Dann kehrt er aus der Geborgenheit der Tiefe zurück in die „helle, übertägige Welt mit ihren Existenzängsten und Geldsorgen“, wie Winkelmann in dem Gesprächs-Band „Die Bilder, der Boschmann und ich“ (2021) formuliert hat. Einen Plan hat Katlewski nicht. Eher zufällig stolpert er über eine Motorsäge und weiß von nun an, was niemand vergisst, der den Film gesehen hat: „Es kommt der Tag, da will die Säge sägen“.
Die Typen und ihre erztrockenen Sprüche, die Filmmusik, das Lokalkolorit sind das eine, das andere ist: das Licht, die Ästhetik der Grautöne und Farben, der kontemplative Blick auf das Hässliche, die brutalistische Poesie der Eröffnungssequenzen, etwa die lange Einstellung auf die „Hörder Fackel“, die hundert Meter hohe Konvertergasfackel des Oxygenstahlwerks im Dortmunder Stadtteil Hörde, die 2004 im Rahmen der Demontage des Werks gesprengt wurde.
Delle Quandt als Kunstfigur Atze war ein Ruhrgebietsrebell, ein Zechen-und-Hinterhof-Kohlhaas, Winkelmann ist der liebevolle Zertrümmerer der Pathosformeln des Ruhrgebiets, der Bilderfänger des langen Abschieds von Kohle und Stahl, jenen Kräften, die das Ruhrgebiet geformt haben. Strukturwandel war für ihn „immer nur ein verlogenes Wort für das Drama des Untergangs einer riesigen Industrie mit Mann und Mann“. Wenn deutsche Politiker gerade nicht müde werden, dem ganzen Land einen Strukturwandel zu verordnen, ist es wohl an der Zeit, sich seine Filme wieder anzusehen, von der Ruhrgebietstrilogie über „Der Leibwächter“ (1989) mit Franz Xaver Kroetz bis zu „Contergan“ (2007) und „Junges Licht“ (2016) nach dem Roman von Ralf Rothmann. Am heutigen Freitag wird Adolf Winkelmann 80 Jahre alt.
Source: faz.net