Die erfundene Kleinstadt Normal im amerikanischen Bundesstaat Minnesota ist viel zu mickrig, als dass sich dort ausreichend Anreize für Strukturen eines organisierten Verbrechens bieten. Die Mafia könnte hier allenfalls Däumchen drehen, nicht zu reden von den japanischen Yakuza, bei denen Finger auch schon einmal unters Messer kommen, wenn jemand einen Befehl unzureichend ausgeführt hat. In Normal enden die Möglichkeiten für illegale Profite am Tresen der lokalen Schankwirtschaft, und den Rest machen die Leute von Normal unter sich und vielleicht mit ihrem Sheriff aus. Oder mit seinem Vertreter, der gerade seinen Dienst aufnimmt in dem Moment, in dem die alles andere als alltägliche Geschichte des Films „Normal“ beginnt.
Der Aushilfssheriff Ulysses Richardson ist ein idealer Zeuge, um dieses Nest zuerst in aller Ruhe kennenzulernen und dann dabei zuzusehen, wie es auseinanderfliegt. Denn gegen jeden äußeren Anschein gibt es in Normal etwas, woran die japanische Mafia ein dringendes Interesse hat. So dringend, dass schließlich mehrere Abordnungen von Yakuzas den Gang der Ereignisse in ihrem Sinn zu beeinflussen versuchen. Und damit erst so richtig für eine Orgie der Gewalt sorgen, die eigentlich für Entrüstung sorgen müsste. Doch manchmal kann so etwas ja auch befreiend sein, weil man dadurch über einen Mythos aufgeklärt wird. Zum Beispiel der Mythos, für den Amerika in der Provinz, im „heartland“, noch in Ordnung ist.
Ein Fremder kommt in die Stadt
Ulysses kommt als Figur jetzt nicht direkt aus der „Dialektik der Aufklärung“, aber einen kleinen Hintergedanken kann man dem Drehbuchautor Derek Kolstad schon unterstellen bei der Wahl dieses Namens. Ein Mann kommt in eine Stadt, er bleibt ein Fremder, er ist letztlich auf der Durchreise, wird aber allmählich hineingezogen in die Angelegenheiten. Die meisten sind trivial, und so stellt sich mehr und mehr ein Gefühl von Erwartbarkeit ein. Man kennt Orte wie Normal aus anderen amerikanischen Filmen, besonders berühmt wurde die Stadt Fargo aus dem Film der Brüder Coen, und von dort kennt man auch die bretterebenen Weiten von Minnesota, durch die sich schnurgerade Straßen ziehen. An einer dieser Straßen liegt Normal. Die Figur des Ulysses erinnert auch an Western, in denen Gemeinden ihre Gesetzeshüter oft von weit her engagierten, und dann alles taten, um sie mit den Verhältnissen vertraut zu machen. In Normal aber gibt es im Innersten der Verhältnisse ein Geheimnis, das aus den Bewohnern der Stadt eine Solidargemeinschaft im Zeichen der Gesetzlosigkeit macht. Ulysses müsste davon nie etwas erfahren in seinen paar Monaten vor Ort. Aber dann überfallen zwei unbedarfte Leute die lokale Bank. Und damit wird aus einem verschlurften Kleinstadtporträt eine Actionkomödie, die zu den schönsten Überraschungen des bisherigen Kinojahres zu zählen ist.
Wieder einmal zeigt sich dabei, dass Komödien oft wie Uhrwerke funktionieren: Sie werden zuerst aufgezogen, und dann laufen sie wie geschmiert. Als man zu Beginn eine Büchse an der Wand des Saloons sieht, ahnt man noch nicht, dass diese auch den Auftakt für ein Waffenarsenal darstellt, das in einem so unvermuteten Ausmaß in Normal vorhanden ist, dass selbst die „gun lobby“ in der amerikanischen Politik vermutlich verblüfft wäre. Die Büchse ist alt, sie erinnert an Pionierzeiten, an jene Epoche, in der die Leute in der Gegend das Recht noch in die eigenen Hände nehmen mussten. „Normal“ aber spielt in einer Zeit, in der das später errungene Gewaltmonopol des Staates wieder in Misskredit geriet. Ulysses wird zu einer Figur, die geradezu für die Einsamkeit des Rechts steht. Er muss also improvisieren und kann darauf vertrauen, dass Waffengewalt oft für eine destruktive Entfesselung sorgt. Er wird dabei beinahe zu einem Choreographen dieser Tödlichkeit, zu einem Kurator der Eskalation. Da Ulysses nicht alle Ganoven selber erschießen kann, muss er irgendwie dafür sorgen, dass sie sich gegenseitig dezimieren.
Ein Kleinod des amerikanischen Genrekinos
Der schon genannte Drehbuchautor Derek Kolstad hat sich mit der Actionreihe „John Wick“ einen Namen gemacht und sich nun mit dem ironischen Briten Ben Wheatley („Sightseers“) zusammengetan für ein Kleinod des amerikanischen Genrekinos. Gewaltdarstellungen sind ja eine der geläufigsten Handelswaren des Kinos. Üblicherweise werden sie mit einfachen Freund-Feind-Konstellationen verknüpft, seltener jedoch mit gründlicheren oder untergründigeren Überlegungen zur Funktion von Gewalt in Gesellschaften.
„Normal“ hingegen erweist sich als ein paradigmatischer Film der Ära Trump, weil er sehr genau herausarbeitet, wie systematisch in Amerika die zwei Bereiche des Geldes und der Macht vom Gemeinsinn getrennt wurden. Die Kleinstadt Normal steht de facto für eine nicht erklärte Sezession, und in dieser etabliert nun – herrliche Ironie – ein persönlich bedürfnisloser Außenseiter das Gewaltmonopol, indem er „fire power“ auf sich selbst loslässt. Die Darstellung von Gewalt ist in „Normal“ auch in den Momenten äußersten Durcheinanders niemals wahllos, sondern hebt gerade die Differenz hervor, die in marktbeherrschenden Actionfilmen oft verwischt wird: auf der einen Seite steht massive maschinelle, mehr oder weniger abstrakte Zerstörungskraft, auf der anderen individuelle, verletzliche Körper.
Im Zentrum steht mit der Figur des Ulysses ein Schauspieler, der zu einem Prototyp der moralischen Ambivalenz in Amerika geworden ist: Bob Odenkirk war Saul Goodman in den Serien „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“, ein Außenseiter der Rechte, ein Anwalt, der sich weit auf die falsche Seite des Gesetzes ziehen ließ. Da Odenkirk diese Figur ohnehin nicht mehr loswird, arbeitet er nun mit deren Themen weiter. In „Normal“ steht Ulysses überraschend für das traditionelle Ethos, dass sich das Richtige immer von selbst versteht. Er trägt dabei aber immer noch diese Melancholie in sich, die Saul Goodman aus dem Umstand zog, dass er es nie jemand recht machen konnte. Und so wird dieser Ulysses Richardson zu einem Actionhelden, der im Grunde nur mit Hebelwirkung arbeitet. Bei dem wichtigsten Schuss in „Normal“ muss schließlich nicht einmal mehr jemand den Abzug bedienen. Das ist dann auch der Moment der größten Komik.
Source: faz.net