Unsere erste Begegnung führt mich zurück in das Jahr 1972. In Düsseldorf diskutierten wir in unserer Basisgruppe das von Alexander Kluge und Oskar Negt damals frisch veröffentlichte Buch „Öffentlichkeit und Erfahrung“. Wir diskutierten auf dem Dach der Kunstakademie und in einem Keller, der als „Badewanne“ bezeichnet war: ein Raum für neues Denken unter der Erdoberfläche.
Das ist eine Beobachtung, die scheinbar beiläufig daherkommt, aber für das Denken Alexander Kluges prägend war, ein intellektuelles Radar für Phänomene des Gleichzeitigen; so kartierte er die Weltgeschichte im Großen wie im Kleinen.
Schon überschattet von den Ausläufern einer doktrinären Linken, die es dazu trieb, Fehler ihrer Vorfahren erneut auf die Tagesordnung zu setzen, fanden wir um das Jahr 1953 herum geborenen undogmatischen Linken in dem Buch Öffentlichkeit und Erfahrung so etwas wie ein Skript für ein Denken, das sich von der Neigung zu historischen Wiederholungszwängen befreite und dabei genügend Aufmerksamkeit für am Wegesrand liegende Abweichungschancen entwickelte.
Das war ein weiteres Merkmal für Kluges Denken: wie es dazu kommt, von einem eingeschlagenen Weg abzukommen, nicht als Fehler, sondern als Offenheit für neu in den Blick gelangende Ziele. Nicht das Homogenisieren, sondern die Gemischtheit der Stoffe, aus denen sich Geschichte entwickelt.
In Alexander Kluges Denken steht die Tradition, die Quellen offenzulegen
Unsere Eltern hatten mit Mühe und Not den Krieg und die ersten Jahre bis zur Gründung der Bundesrepublik überstanden. Helmut Schelsky hatte ihrer Generation zum Adjektiv „skeptisch“ verholfen, was insofern ein Etikettenschwindel war, als sie in der Zeit von 1933 bis 1945 mit dieser Skepsis, wenn sie denn schon vorhanden war, nicht herausrückten. Gefühle unterstanden der Befehlsgewalt: „Helm ab zum Gebet!“
Mein Vater, Jahrgang 1913, befand sich im Auftrag der Evangelischen Kirche im Rheinland als Seelsorger bis 1948 in einem französischen Lager für deutsche Kriegsgefangene. Bei seinen Lehrern Karl Barth (in Bonn) und Rudolf Bultmann (in Marburg) hatte er das Auslegen von hebräischen, griechischen und lateinischen Texten gründlich gelernt. „Exegese, Exegese, und noch mal Exegese!“ hatte Barth nach dem Entzug der Lehrerlaubnis durch den „Führer“ seinen Studierenden mit auf den Weg gegeben.
Daran hielt mein Vater sich ebenso wie er in Marburg in der von Neo-Mythen überwucherten NS-Barbarei bei Bultmann das Entmythologisieren als hermeneutische Kunst sich aneignete. Seine erste Stelle als Vikar fand er in einer Kirchengemeinde in Essen, deren Vorsitzender des Presbyteriums ein Rechtsanwalt namens Gustav Heinemann war.
Dessen Ehefrau hatte 1926 bei Bultmann promoviert. Die Tochter Uta wurde nach Beginn der Bombardierung Essens nach Marburg zu Bultmann umquartiert. Überleben verdankt sich auch guten bibelkundlichen Beziehungen. Noch so eine Koinzidenz, mit der mein autobiographischer Schlenker Anschluss an Kluges Denken sucht.
Das erwähne ich, weil es in der Tradition von Alexander Kluges Denken steht, die Quellen, auf die man sich bezieht, die man sich aneignet oder die man auch wieder verwirft, offen zu legen. In den 60er Jahren veröffentlichte Kluge in der von Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Buchreihe Verteidigung der Zukunft – Deutsche Geschichten 1960 bis 1980 den Prosatext „Ein Liebesversuch“.
Im Jahr vor Beginn der Auschwitz-Prozesse schildert er darin in lakonisch gebändigter Prosa eine Versuchsanordnung, wie Liebe auch in barbarischen Extremsituationen auf die Probe gestellt werden kann, wie die medizinische Vermessung in ihrer vermeintlichen Objektivität zu einer barbarischen Vermessenheit findet.
Auch das „nicht“ ist ein rhetorisch-prosaisches Merkmal für Kluges Denken
In den 70er Jahren gehörte Peter Lilienthals Film Es herrscht Ruhe im Land (1977 kam er in die Kinos, als dank der Roten Armee Fraktion und ihrer Nachhut alles andere als Ruhe herrschte) zu den eminenten Quellen unseres Nachdenkens. In dem Film fällt ein Satz, der auch Kluge elektrisiert haben dürfte: „Wenn einer sich immer wieder nur auf seine Erfahrungen beruft, kommt er mir vor wie ein Glatzkopf, der die letzten Haare in seinem Kamm zählt, ohne je zu einem anderen Ergebnis zu kommen.“
Im Jahr darauf kam 1978, initiiert durch Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder, der Film Deutschland im Herbst in die Kinos. Auch dieser Film öffnete in der von Terror und ihrer Abwehr versehrten westdeutschen Öffentlichkeit ein neues Fenster für einen Blick auf die Gegenwart da draußen, die alles andere als erfreulich war. In jenen verschatteten Jahren fanden einige RAF-Angehörige unter dem Schutz der Staatssicherheit ihr seltsames Exil in der sogenannten DDR. (Nennen wir sie wieder sogenannt, weil sie alles andere als eine DDR war!)
Die suggestive helle Stimme Kluges, der die Bombardierung seiner Heimatstadt Halberstadt nur um Haaresbreite (wieviele my ist ein Haar breit?) überlebt hatte, bezeugte auf eine Weise Neugier und Anteilnahme, dass fast immer ein freundliches Fragezeichen darin hörbar eingeschrieben schien – denn alles kann auch anders sein, nicht? Auch das „nicht“ ist ein rhetorisch-prosaisches Merkmal für Kluges Denken und Reden. Jede Aussage kann mit einem Fragezeichen versehen (nicht beendet) werden.
Alexander Kluges enigmatischer Geist und das Narrenschiff
Seit dem 5. September 2001 ertönt in der Sankt-Burchardi-Kirche ein auf 639 Jahre angelegtes Orgelstück von John Cage: „ORGAN2/ASLSP“. Wir können davon ausgehen, dass Alexander Kluges enigmatischer Geist in der letzten Stunde des Konzerts anwesend sein wird.
Nun ist es auch schon 19 Jahre her, dass ich ihn für ein Projekt gewonnen hatte, das im Jahr 2007, nun also auch schon fast zwei Jahrzehnte wieder her, stattgefunden hätte: das Jahr der Geisteswissenschaften. Zum Mobiliar dieser statuarischen Ministerial-Groteske gehörte auch ein Schiff für die Wasserstraßen der Republik; die MS Wissenschaft (dass im Stab des BMBF niemand bemerkt hatte, dass die Abkürzung für das Motorschiff zugleich eine medizinische Diagnose enthielt: Multiple Sklerose, das sei ihnen geschenkt).
In meinem Konzept (das vom BMBF mit Grausen verworfen worden ist) hatte ich vorgeschlagen, das Schiff auf einen klangvolleren historisch überkommenen Namen umzutaufen: Stultifera navis – das Narrenschiff. Meine Idee: In Vollmondnächten steuert das Schiff deutsche Universitäten an Wasserstraßen an – und man diskutiert freundlich vom Mond überstrahlt, von Alexander Kluges Neugier moderiert, was damals auf der geisteswissenschaftlichen Agenda gestanden haben wird.
Am Telefon war Kluge sofort dazu bereit, das war meine letzte fernmündliche Begegnung mit ihm. Ruhe er in Frieden!