Abhängigkeit Europas: Stimmt es sozusagen, dass Europa von den USA unfrei ist?

In Brüssel drängt in diesen Tagen ein alter Begriff mit voller Kraft zurück auf die politische Agenda: die europäische Souveränität. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron pocht schon länger darauf, Bundeskanzler Friedrich Merz forderte sie zuletzt gezielt für den Tech-Sektor. Und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wünscht sich ganz generell eine „neue europäische Unabhängigkeit„.

Ihr sorgenvoller Blick geht in Richtung der USA.

Anlass sind die zwei jüngsten Erschütterungen im transatlantischen Verhältnis: der völkerrechtswidrige US-Angriff auf Venezuela und die Grönlandkrise. Ungewöhnlich deutlich verurteilten Politiker aus Deutschland und der EU die Drohungen von US-Präsident Donald Trump. Trotzdem vermeiden sie einen klaren Bruch mit den Vereinigten Staaten. Denn die Furcht ist groß, dass Trump die europäische Abhängigkeit von den USA ausnutzen könnte. Wie abhängig ist Europa aber wirklich von den Vereinigten Staaten? Macht sich die EU kleiner, als sie ist? Und gibt es Punkte, in denen die USA sogar abhängig von uns Europäern sind? Ein Blick auf die Faktenlage in den Bereichen Wirtschaft, Technologie und Militär.

Wirtschaft: eine enge transatlantische Verzahnung

Bei den Wirtschaftsdaten fällt auf, wie fundamental die Abhängigkeit beider Seiten zueinander ist. Die USA waren 2024 laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat Zielland Nummer eins für EU-Exporte. Fast 21 Prozent aller Waren gingen in die Vereinigten Staaten – ein Volumen von fast 515 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Auf Platz zwei landete Großbritannien mit knapp 13 Prozent, dahinter kam China mit rund 8 Prozent. 

Auch mit Blick auf Importe waren die USA ein wichtiger Handelspartner. Fast 14 Prozent aller importierten Waren stammten aus den USA, was einem Volumen von knapp 345 Milliarden Euro entspricht (Platz zwei hinter China). Brisant ist die Abhängigkeit in einzelnen Bereichen, beispielsweise beim Import von Flüssiggas (LNG), wie eine Studie des Clingendael-Instituts zeigt.


Circa 60 Prozent


aller europäischen Flüssiggasimporte kamen 2025 aus den USA.

Die Europäische Union ist aber auch für die USA der wichtigste Handelspartner. Laut der offiziellen Handelsstatistik exportierten die USA 2025 Waren im Wert von knapp 347 Milliarden US-Dollar (rund 292 Milliarden Euro) in die EU. Aus Europa importiert wurden Waren im Wert von rund 538 Milliarden Dollar. Vor allem Autos und medizinische Produkte gehen in die USA.

Die USA sind laut einer Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) (PDF) sogar in Tausenden Warengruppen auf EU-Produkte angewiesen, vorneweg im Pharmasegment, bei medizinischem Equipment wie Röntgen- oder Tomografiegeräten und speziellen Industriemaschinen. In diesen Bereichen sind US-Firmen von europäischen Produkten abhängig, weil sie nicht so leicht ersetzt werden können und ganze Weiterverarbeitungsketten davon abhängen.

Die Zahlen bestätigen aber auch Donald Trumps Hauptargument für seine Zollpolitik. Ja, es gibt ein spürbares US-Handelsdefizit im Warenhandel mit der EU (2024: 198 Milliarden Euro). Allerdings relativiert sich das deutlich, wenn der Dienstleistungshandel einbezogen wird.


50 Milliarden Euro


betrug das US-Handelsdefizit 2024 mit der EU unter Einbezug des Dienstleistungshandels.

Denn gerade im Technologiebereich dominieren die USA.

Technologie: Die USA dominieren, brauchen die EU aber auch

Julia Pohle forscht am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) zu digitaler Souveränität und trifft eine klare Diagnose. 

Die Abhängigkeit ist umfassend und betrifft einzelne Anwendungssysteme, aber auch zentrale Ebenen der digitalen Infrastruktur: Cloud-Computing, Betriebssysteme, Suchmaschinen, Plattformen wie zum Beispiel soziale Netzwerke und zunehmend auch KI-Systeme.

Julia Pohle, Wissenschaftszentrum Berlin

Cloud-Dienste von Amazon Web Services und Google Cloud bestimmen den europäischen Markt und werden auch von der öffentlichen Verwaltung genutzt. Problematisch daran ist laut Julia Pohle, dass die Dienste dem US-Recht unterliegen. Etwa dem Cloud Act, der US-Behörden weitreichende Befugnisse beim Zugriff auf Daten gewährt, die bei US-Unternehmen gespeichert sind. Betroffen davon sind auch Tools wie Microsoft 365, das „de facto Standard“ in Behörden und Unternehmen sei.

Problematisch sei das vor allem langfristig. „Es setzt Machtverhältnisse fest: Wer Infrastruktur, Plattformen und Standards anbietet und kontrolliert, beeinflusst auch, wie Märkte sich entwickeln, welche Innovationen sich durchsetzen können und welche politischen Handlungsspielräume es noch gibt.“ Pohle sieht auch ein strategisches Risiko.

In Krisensituationen oder bei geopolitischen Spannungen ist ein Wechsel auf eine Alternative nicht einfach so mal schnell möglich. Zugänge könnten eingeschränkt oder Preise einseitig erhöht werden.

Julia Pohle, Wissenschaftszentrum Berlin

Einen Präzedenzfall gab es dafür bereits. Im vergangenen Jahr entzog Microsoft dem Chefankläger des Internationalen
Strafgerichtshofs, Karim Khan, die Nutzung
seines E-Mail-Dienstes für geschäftliche Zwecke. Zuvor hatte die Trump-Regierung Sanktionen gegen ihn verhängt, nachdem der Strafgerichtshof einen
Haftbefehl gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu
erlassen hatte.

Künstliche Intelligenz: Hier liegen die USA vorn

Besonders ausgeprägt ist die Abhängigkeit von den USA laut Forscherin Pohle derzeit im KI-Bereich. Die leistungsfähigsten Basismodelle und Plattformen stammten überwiegend aus den USA, etwa von OpenAI, Google DeepMind oder Meta. Europa versucht aber nachzuziehen: So zeige der Erfolg des französischen Unternehmens Mistral AI, dass leistungsfähige Modelle aus Europa möglich seien, „teilweise mit offen zugänglichem Quellcode und stärkerem Fokus auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit“.

Doch auch im Technologiebereich ist die Abhängigkeit durchaus wechselseitig, weil Europa ein wichtiger Absatzmarkt für US-Techkonzerne ist. Konkrete Zahlen dazu liefert eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Demnach importierte die EU im Jahr 2023 Dienstleistungen im
Wert von rund 349 Milliarden
US-Dollar aus den USA und exportierte Leistungen im Wert von 255
Milliarden US-Dollar dorthin. 

Die Hälfte der US-Exporte von Gebühren für die Nutzung geistigen Eigentums – etwa Lizenzen für Software und Patente oder Markenrechte – geht in die EU.

Samina Sultan, Institut der Deutschen Wirtschaft

In den Bereichen Forschung, Beratung und Finanzdienstleistungen gibt es laut der IW-Studie ebenfalls einen hohen
EU-Anteil unter den Abnehmern. Bei wichtigen Dienstleistungen sind die EU und die USA so eng verflochten, „dass ein ausgeweiteter Handelskrieg beiden Seiten erheblich schaden würde“, sagt die IW-Expertin Samina Sultan.

Militär und Geheimdienst: große Abhängigkeit von den USA

Die Grönlandkrise hat die Diskussion um Europas militärische Abhängigkeit neu befeuert. Denn bei Rüstungstechnik, Geheimdienstinformationen und reiner Truppenstärke sind die Europäer stark von den USA abhängig. Das veranlasste Nato-Generalsekretär Mark Rutte unlängst zu einer spöttischen Warnung an die Mitglieder des Europaparlaments: 

Wenn hier jemand glaubt, die Europäische Union – oder Europa insgesamt – kann sich ohne die USA verteidigen: Träumt weiter!

Nato-Generalsekretär Mark Rutte

Als Grund nannte Rutte
insbesondere die Kosten für den Aufbau eines eigenen nuklearen Schutzschirms. Dafür müssten die Europäer Rutte zufolge nicht fünf, sondern
sogar zehn Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Verteidigung
investieren.

Eindeutig ist das Bild darüber hinaus bei der Truppenstärke und der Ausrüstung der europäischen Armeen, wie Wissenschaftler des Brüsseler Forschungsinstituts Bruegel und des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) ausgerechnet haben.


Circa 300.000 Soldaten


müsste Europa zusätzlich mobilisieren, um die US-Unterstützung zu ersetzen.

On top müssten die EU-Länder 250 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich für Waffen und Ausstattung ausgeben.

Aus Sicht von Guntram B. Wolff vom belgischen Thinktank Bruegel ist vor allem die Abhängigkeit von militärischer US-Hightech problematisch. Zwischen 2017 und 2021 kauften die Europäer einer Auswertung von Bruegel zufolge noch jährlich Waffen aus den USA im Wert von durchschnittlich elf Milliarden Dollar, 2024 waren es – auch durch den Ukrainekrieg – schon 68 Milliarden Dollar. Dabei geht es um Luftabwehrsysteme, Raketen, Munition oder Kampfjets wie das US-Modell F35 vom Hersteller Lockheed Martin.

Dies ist ein Sicherheitsrisiko. Moderne Waffen haben einen hohen Softwaregehalt und sind hochgradig abhängig davon, dass die US-Lieferanten diese regelmäßig aktualisieren.

Guntram B. Wolff, Forschungsinstitut Bruegel

Der Fokus auf US-Hightech bedeute auch, dass der technologische Vorsprung der USA sich weiter verfestige, sagt Wolff. Bei den Geheimdiensten und der Satellitentechnik ist die Abhängigkeit ebenfalls enorm.

Fazit: Abhängigkeit ja – aber in einigen Bereichen auch beidseitig

Die Analyse zeigt, dass Europa vor allem im Digitalbereich und beim Militär stark von den USA abhängig ist. Sollte Trump hier eingreifen und darauf drängen, dass beispielsweise US-Techfirmen Europa „abkapseln“, würden große Teile der europäischen Wirtschaft stillstehen. Das hat größeres Drohpotenzial als ein Exportstopp von deutschen Autos oder Wein aus Frankreich, die verzichtbar sind. Allerdings haben die US-Unternehmen ein Interesse daran, weiter Geschäfte mit Europa zu machen. Die USA brauchen Europa als Markt. Das gibt den Europäern einen Hebel: „Eine Digitalsteuer auf Onlinewerbung
etwa wäre ein gangbarer Weg“, sagt die IW-Expertin Sultan. 

Im Warenhandel hängen beide Seiten stark zusammen, sodass Europa in dem Bereich selbstbewusster auftreten kann. Gerade im Pharma- und Medizinbereich sowie im Maschinenbau sind die USA auf europäische Produkte angewiesen. Die schon vorbereiteten Gegenzölle für einen drohenden Handelskrieg und die sogenannte Handelsbazooka zeugen davon, dass die EU um ihr Drohpotenzial weiß. Dass Trump seine angedrohten Grönlandzölle wieder fallen gelassen hat,
zeigt, dass die EU damit erfolgreich Druck auf die USA ausüben kann.

Und die Souveränitätsbestrebungen werden immer sichtbarer. In Deutschland ist Schleswig-Holstein von Microsoft-Software auf openDesk umgestiegen, eine Open-Source-Arbeitsplattform für die öffentliche Verwaltung. Baden-Württemberg hat sein Schulsystem darauf umgestellt, Berlin will in der Verwaltung nachziehen. In Frankreich sollen Staatsbedienstete bis 2027 auf eine europäische Open-Source-Software für Videotelefonate umstellen. Das österreichische Militär setzt schon länger auf eine frei zugängliche
Office-Software, um Berichte zu verfassen. Die Armee in Italien und die Verwaltung der Hauptstadt Rom sind vor Jahren ebenfalls umgeschwenkt.

Mit Material der Nachrichtenagentur AP, AFP und dpa

Dieser Beitrag ist Teil unseres Projekts Plan D. Hier finden Sie den Überblick zu allen Lösungen und Problemen. Die Serie „Stimmt das eigentlich“ wird vom Newsdesk der ZEIT verantwortet.

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