Antonia Baums neuer Roman „Achte Woche“ handelt von der emotionalen Ausnahmesituation einer schwangeren Frau
Die Autorin interessiert sich jenen Raum aus Ambivalenz und der realen Option des Abbruchs
Foto: Urban Zintel
An sich naheliegend, dass ein Roman über Schwangerschaft ins Wartezimmer einer Frauenarztpraxis führt. Aber so stellt man sich das dann doch nicht vor: In Achte Woche (Claassen, 128 S., 21 €) von Antonia Baum steht die Protagonistin Laura dreimal die Woche in der Praxis, allerdings nicht als Patientin, sondern als Mitarbeiterin. Als Mutter eines Kindes erfährt sie, dass sie erneut schwanger ist.
Täglich konfrontiert mit den Geschichten anderer Frauen, verdichtet sich hier der Raum für eine literarische Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, Abtreibung, Mutterschaft. In einer Gegenwart, in der reproduktive Rechte immer wieder infrage gestellt werden und Schwangerschaftsabbrüche gesellschaftlich tabuisiert sind, verhandelt Baum also ein Thema, das hochpolitisch ist.
Die Autorin interessiert sich nicht für tragische Heldinnenreisen, sondern für das Dazwischen – jenen Raum aus Ambivalenz und der realen Option des Abbruchs. Wie bereits in Siegfried, ihrem vorangegangenen Roman über psychische Erkrankungen und deren genealogische Spuren, arbeitet sie mit einem familiären Geflecht.
Doch diesmal ist es auf das Notwendige reduziert: Lauras Vater Lutz spricht in bedeutungsschweren Floskeln, ihre Mutter Barbara schwankt zwischen Fürsorge und Distanz. Beide tauchen in Erinnerungen auf. Erinnerungen, die Lauras frühere Zweifel mit ihrer aktuellen Entscheidung verknüpfen, insbesondere in Bezug auf ihren Partner Aram. Baum entlarvt so die vermeintlich einfache Frage „Will ich Mutter werden?“ als Illusion. Mutter zu sein, es werden zu wollen, es doch nicht zu wollen – all das kann gleichzeitig existieren.
Frauen betreten die kammerspielartige Praxis, jede mit eigener Geschichte – und spiegeln Lauras Zerrissenheit. Ihre Begegnungen sind geprägt von flüchtiger Solidarität, einem stillen, sinnbildlichen Pakt, einem mitunter exzessiven Interesse. Der Arzt, ein Freund von Lutz, der Abbrüche durchführt, bleibt unbeteiligt, er konzentriert sich auf den medizinischen Akt, gelegentlich plaudert er mit der Erzählerin über ihren Vater.
Und dann ist da noch Amelia, eine Patientin, die Hals über Kopf in die Praxis stürmt. Als Frau, deren Schwangerschaftsabbruch nur geduldet, aber nicht legal ist, und zugleich als Migrantin ohne deutsche Sprachkenntnisse, zieht sie es vor, nicht zu viel Auskunft über sich zu geben. Laura hingegen konfrontiert Amelias Gegenwart mit den Fragen, die sie sich selbst nicht zu stellen wagt. So öffnet sich ein vielschichtiges Bild des Wartezimmers als Ort prekärer Differenzen und stiller Schutzmechanismen.
Dass die Erzählung dennoch so radikal auf Laura fokussiert, legt die existenzielle Einsamkeit frei, die mit einer solchen Entscheidung einhergeht – ein Problem, das weit über individuelle Gefühle hinausreicht und eben auch von ökonomischen und sozialen Zwängen abhängt. Lauras Dissertation, die mit der Schwangerschaft wieder auf dem Spiel steht, ihr Interesse an suizidalen Abschiedsbriefen, die Arbeit in Bibliotheken und Archiven, all das verleiht dem kompakten Roman eine Tiefe, ohne ihn in Bedeutungsschwere ersticken zu lassen.
So konsequent Baum den emotionalen Ausnahmezustand ihrer Protagonistin zeichnet, so zurückhaltend bleibt ihre Sprache. Achte Woche wirkt reduzierter als frühere Texte. Wo Siegfried mit rhythmischer Schärfe und komplexen Figuren überzeugt, herrscht hier sprachliche Nüchternheit vor, die aber einen starken Sog entwickelt. Die Entscheidung für eine Prosa, die nicht erklärt, sondern andeutet, kulminiert im offenen Ende.
Achte Woche ist kein großes Familienepos oder moralphilosophischer Essay. Es ist ein sehr lesenswerter Roman über das Recht auf Ambivalenz bei der Entscheidung für oder gegen ein Kind in einer existenziellen Situation.