Alle Jahre wieder: Frauentag am 8. März, der in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin mittlerweile Feiertag ist. Leider ein Sonntag. Zehn Tage zuvor hatte der Bundestag immerhin eine halbe Stunde angesetzt für das Thema Schwangerschaftsabbruch und reproduktive Rechte von Frauen, von Grünen und Linkspartei eingebracht. Ältere werden sich die Augen reiben: Hä? Immer noch der Paragraf 218 auf der Agenda?
Dieses seit 150 Jahren strafrechtsbewehrte Abtreibungsverbot, nur abgemildert durch beratungsbegleitete Ausnahmeregelungen. Und auch die stehen zur Disposition, denn es gibt immer weniger Beratungseinrichtungen und Krankenhäuser, die Abbrüche vornehmen. Der Paragraf 218 ist die Keule gegen Frauen, die kein Kind wollen, während queere Paare um Adoption kämpfen müssen oder Menschen mit Behinderung um das Recht auf ein Kind.
Erinnert wird an den Frauenstreik der Isländerinnen 1974
In einem Café in Berlin fällt mir ein Plakat in den Blick. Globaler Frauenstreik am 9. März! Frauen in aller Welt sollen ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit niederlegen, in Erinnerung an den Streik der Isländerinnen 1975. Damals streikte die weibliche erwachsene Hälfte der damals 220.000 zählenden Bevölkerung auf der Insel.
Wie viele Frauen der weltweit knapp vier Milliarden umfassenden weiblichen Bevölkerung müssten in den Ausstand gehen, um Aufmerksamkeit zu erregen? Zumal die von der ehemaligen Kultursenatorin Adrienne Göhler lancierte Kampagne „Enough! Genug! Basta!“ kaum jemand in Australien, Brasilien oder hinter dem russischen Ural erreichen wird. Es braucht etwas mehr als ein Ad-hoc-Bündnis, um einen globalen Frauenstreik so ganz auf die Schnelle auf die Beine zu stellen.
Was bei dem Aufruf und den wenigen bislang veröffentlichten Beiträgen jedoch auffällt: Kein Wort der Erinnerung an den Frauenstreik von 1994 im gerade wiedervereinigten Deutschland. An eine der wenigen, halbwegs erfolgreichen Reaktionen auf den Anschluss der DDR, die Ausdruck der Enttäuschung auf den gescheiterten Verfassungsprozess war – und eine der wenigen gemeinsamen Aktionen der Ost-West-Frauenbewegung nach 1990. Selbst im Beitrag des Hausblattes von Verdi – und immerhin waren viele Gewerkschaftsfrauen im Dienstleistungssektor 1994 beim Frauenstreik beteiligt – findet sich kein Wort dazu. Diese Erinnerungslosigkeit macht mich fassungslos.
Und so suche ich, wie schon früher, nach den Gründen, warum sich Frauen hierzulande immer noch mit einem antiquierten Abtreibungsparagrafen herumschlagen müssen, mit – trotz vielfältiger Strafgesetze und zweifellos verbesserter Präventions- und Beratungsstruktur – zunehmender Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Warum ein Gender-Pay-Gap-Tag auf die Diskrepanz geschlechtsspezifischer Einkommen und Vermögen aufmerksam machen muss und wir überhaupt noch einen 8. März brauchen, an dem Frauen rituell ihre Stimme erheben.
Was die Westpflanze Alice Schwarzer übersieht
Diese Geschichtsvergessenheit treibt offenbar auch Emma-Gründerin Alice Schwarzer um, die kürzlich 99 feministische Aufschläge in Häppchenkultur veröffentlicht hat. In einem Interview mit dem Tagesspiegel lässt sie sich darüber aus, dass nicht nur ihre eigene Generation, also die Frauenbewegten der 1970er Jahre, nichts von ihren Vorgängerinnen wusste. Auch die Jüngeren hätten keine Ahnung mehr von den vor 50 Jahren ausgefochtenen Kämpfen. „Die meisten jungen Frauen“, sagt sie, „denken, die Frauenbewegung hätte in den 90ern angefangen.“ Damit entgingen ihnen die wichtigsten Erfahrungen der Aufbruchjahre der radikalen Frauenbewegung.
Bezeichnend ist allerdings auch, dass die Westpflanze Schwarzer mit keinem Wort das schwierige Verhältnis der ost- und westdeutschen Frauenbewegung erwähnt. Denn genau dort liegen die Gründe, warum das, was 1990 einmal einen so vielversprechenden Ausgang nahm, wie ausgelöscht scheint im kollektiven weiblichen Gedächtnis.
Mai 1990, der erste Ost-West-Frauenkongress in Berlin. Noch vor der Wiedervereinigung zeichnete sich ab, dass das, was heute als frauenpolitische Errungenschaften der DDR anerkannt wird, im Einheitsstrudel weggespült würde. Die Fristenregelung, die Schwangerschaftsabbrüche innerhalb der ersten zwölf Wochen straffrei stellte, das Recht auf Arbeit (auch der Frauen) und der in der DDR übliche Hausarbeitstag, nichts hat es in die neue Verfassung geschafft. Die Männer und Frauen der West-CDU gingen, man glaubt es angesichts der heutigen Debatten kaum, im Osten mit den Segnungen der Teilzeitarbeit hausieren, um „Mutti“ den monatlichen Haushaltstag streitig zu machen.
Doch im Osten hatten die aktiven Frauen, die die „Wende“ unter dem Motto „ohne Frauen ist kein Staat zu machen“ forciert hatten, mit dem Unabhängigen Frauenverband (UFV) ihr eigenes Sprachrohr geschaffen. Neidisch wurden sie von den zerstrittenen und zersplittert agierenden Westfeministinnen beäugt, die qua ihrer längeren Erfahrung dennoch meinten, die Ostfrauen „an die Hand nehmen“ zu müssen. Die jedoch erwiesen sich als störrisch, es gab viel gegenseitiges Unverständnis.
Bürgerinnen der DDR haben doppelt verloren
Die Herkunft aus zwei sehr unterschiedlichen patriarchalen Gesellschaften forderte ihren Tribut. Die Gleichstellung mit den Männern, was Anpassung an deren Normen hieß, hatte im Osten ihre dunklen Seiten, während im Westen das Private zwar politisch geworden war und sich in zögerlichem Gewaltschutz niederschlug, der strukturelle Geschlechter-Gap aber bestehen blieb. Auf der einen Seite der ehemaligen Mauer ging es um die Verteidigung sozialer Rechte, auf der anderen um die Wunscherfüllung von Westfeministinnen. Die Schwestern sollten einlösen, was sie selbst nie erreicht hatten.
Die ostdeutsche Publizistin Jana Hensel erklärt dies in ihrem Buch Es war einmal ein Land – allerdings nicht in Bezug auf die Frauen, sondern auf die westdeutsche Linke – mit der Ignoranz der Letzteren gegenüber dem linken Erfahrungsschatz im Osten und mit den unterschiedlichen Erfahrungen des Jahres 1968. Auch sie erkennt in der Bürger:innenbewegung die Projektionsfläche für den links gestimmten Westen. Das war indessen schon während der Wendezeit ein Thema, erhellt jedoch nicht die Gründe für die abgerissenen Erfahrungsfäden der Frauen. Denn es fängt nicht ein, dass die Bürgerinnen der DDR doppelt verloren haben: zuerst ihren Staat und noch einmal als Frauen, die nach 1990 strukturell schlechter dastanden als zuvor.
Nach den Versuchen des Unabhängigen Frauenverbands, sich bei der Volkskammerwahl im März und der Bundestagswahl im Oktober 1990 parlamentarisch ins Spiel zu bringen, zeigten sich – bei einem Stimmanteil von rund zwei Prozent – auch die Aktivistinnen desillusioniert. Wie so oft wurden die Frauen „der ersten Stunde“, die in Revolutionen ein Vakuum besetzten, an den Rand gedrängt und kaltgestellt. Was im Sog der Globalisierung nun von ihnen erwartet wurde, war Selbstoptimierung für den Markt. Gemeinsame frauenpolitische Interessen traten für lange Zeit in den Hintergrund, Feminismus galt als gestrig und „verbrannt“.
„Feminismen“ sind heute nicht mehr per se links
Es hat über zehn Jahre gedauert, bis Feministinnen wieder Gehör fanden. Die Digitalisierung half, die Empörung über männliche Übergriffigkeit und sexuelle Gewalt, wie sie im Epstein-Skandal einen neuen Höhepunkt findet, weltweit bekannt zu machen und zu vernetzen. Davon hätten wir früher nur träumen können, die wir Flugblattpostillen in die Welt sandten. Und auch wenn „race, class and gender“ schon für unsereins Leitbegriffe waren, wurden sie im Rahmen intersektionaler Theorien zusammengebunden und ausbuchstabiert.
Manches am „neuen Feminismus“ mag eher als kulturelles Phänomen erscheinen und vieles auf die Selbstentfaltung der einzelnen Frau ausgerichtet sein. Was bleibt, ist der Bewegungsimpuls als Stachel im Fleisch des Patriarchats, um mal ein altes Bild zu bemühen. Richtig ist aber auch: Die „Feminismen“ sind heute nicht mehr per se links – und nicht mehr wie in den 1970er Jahren unbedingt auf das „Kollektiv Frau“ ausgerichtet. Das ist Folge der Einsicht, dass es nicht „die Frauen“ gibt, sondern Gruppen von Frauen mit sehr, sehr unterschiedlichen Interessen.
Auf der 15. Sitzung am 5. März 1990 verhandelte der Runde Tisch, folgende Sozialbestände in die neue Verfassung aufzunehmen: Gleichberechtigung, souveräne Entscheidung über ein Kind, Beibehaltung der öffentlichen Kinderbetreuung, das Recht auf Arbeit, Wohnung, Bildung und Gesundheitsbetreuung und das Grundrecht beider Geschlechter auf Kindererziehung durch flexible Arbeitsplatzgestaltung. Und trotz aller feministischen Perspektivwechsel hätten 36 Jahre später Frauen jeden Grund, zumindest einen Tag lang den Krempel hinzuwerfen.