70. Geburtstag: Ein Wirtschaftshistoriker, jener die Nähe zu Ökonomen sucht

Mitte der Achtzigerjahre erschienen in englischer Sprache zwei Bücher eines jungen Wirtschaftshistorikers, die sich mit der Rolle der Reichsbank zwischen 1924 und 1933 und, breiter angelegt, dem Untergang der Weimarer Republik in der Weltwirtschaftskrise befassten. In diesen Talentproben befand sich mit den Themen Deutschland und Weltwirtschaft der Nukleus eines Forschungsprogramms, das bis heute mehr als zwanzig Bücher und eine große Zahl von Fachartikeln inspiriert hat. Harold James, 1956 im britischen Bedford als Sohn eines englischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, in Cambridge ausgebildet und seit vier Jahrzehnten im amerikanischen Princeton lehrend, gehört seit seinen jungen Jahren zu den namhaften internationalen Wirtschaftshistorikern.

In Deutschland wurde er vor allem mit Arbeiten zur Deutschen Bank bekannt, zunächst als Mitautor einer Geschichte der Bank von 1870 bis 1995 und später als alleiniger Autor von Studien über die Bank im Nationalsozialismus. Das mit der Geschichte der Reichsbank geweckte Interesse an Währungsfragen führte zu einer Beteiligung an einem Buch über die Geschichte der D-Mark sowie, international ausgreifend, zu Werken über die Entwicklung der globalen Zusammenarbeit in der Währungspolitik und zu einer mit Markus Brunnermeier und Jean-Pierre Landau verfassten, ebenso kenntnisreichen wie abwägenden Arbeit über den Euro.

James’ Herangehensweise an weltwirtschaftliche Themen lebt von seiner Überzeugung, Wirtschaftshistoriker könnten von der Expertise von Ökonomen erheblich profitieren. In Princeton prägten ihn anfangs vor allem Peter Kenen, ein Experte in der Theorie optimaler Währungsräume, sowie der spätere Fed-Vorsitzende und Nobelpreisträger Ben Bernanke, den mit James nicht nur das Interesse an der Weltwirtschaftskrise verbindet.

James: Die Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre ist kein Schicksal

In einem inmitten der Globalisierungseuphorie im Jahr 2001 als Warnung erschienenen Buch „The End of Globalization“ und in dem im Jahr 2022 in deutscher Sprache als „Schockmomente“ veröffentlichten Werk vermittelt James die Botschaft: Die Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre ist kein Schicksal; Wirtschaftskrisen können trotz kurzfristiger Leiden langfristig Wendungen zum Besseren einleiten, indem sie technischen Fortschritt begünstigen, politische Selbstblockaden lösen und zur Überprüfung veralteter ökonomischer Lehren anregen.

Internationale Wirtschaftskrisen, der Verfasser nennt als Beispiel die Ölkrisen der Siebzigerjahre, sind sogar in der Lage, die Globalisierung zu befördern. In James’ Welt existiert keine Vorbestimmung und keine universell anwendbare Großtheorie. Die Menschen können an Herausforderungen scheitern, aber sie vermögen auch, an ihnen zu wachsen. Immerhin können sie, und hier unterscheidet er den Blick des Historikers vom Blick des Ökonomen, versuchen, aus der Vergangenheit zu lernen.

Daher sieht der Historiker Europa auch in der komplizierten aktuellen weltpolitischen Lage keineswegs zu einer Verliererrolle verdammt. Für ihn liegt es an den Europäern, sich so zusammenzureißen, wie sie es in ihrer Geschichte schon mehrfach zustande gebracht haben. „Europa ist stärker, als wir denken“, versicherte James in einer Rede auf einer Europakonferenz der F.A.Z. In einer Rückkehr zu einem kräftigen Wirtschaftswachstum sieht er indes kein ausreichendes Mittel gegen den Unmut vieler Menschen über ihre Regierungen. Gegen die Klagen über einen Wohnungs- und Bildungsmangel helfe weder makroökonomische Politik noch Industriepolitik. Zudem muss Europa aus seiner Sicht lernen, stärker geopolitisch zu denken.

James hat für seine Arbeiten mehrere Auszeichnungen, darunter den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik, erhalten. Mit regelmäßigen Kolumnen und häufigen Vorträgen ist er, für englische und amerikanische Wirtschaftshistoriker selbstverständlicher als für viele deutsche Kollegen, in der Öffentlichkeit auch mit der Beurteilung aktueller Themen vertreten, ohne wie Niall Ferguson oder Adam Tooze eine Dauerpräsenz in sozialen Medien anzustreben. Am 19. Januar wird Harold James 70 Jahre alt.

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