Für Erich Honecker war der Palast der Republik ein Vorzeigebau – mit vielem was es in der DDR sonst nicht gab: Stars, Marmor, Glamour. Aber schon zur Eröffnung vor 50 Jahren war er umstritten – ebenso wie später sein Abriss.
Brigitte Fahlisch kann es kaum fassen, als sie im Januar 1975 in der Mitte von Berlin auf der größten Baustelle der Republik vor einem riesigen Stahlgerüst steht. Der Liebe wegen war die 21-jährige Bauingenieurin von Magdeburg in die Hauptstadt der DDR gezogen. Nun beginnt sie ihre Arbeit als Bauleiterin am Palast der Republik.
Was flächendeckend nicht zu schaffen ist – die DDR in eine Art Traumland zu verwandeln – ermöglicht der Staat nun zumindest auf einem kleinen Fleckchen Erde in der Mitte Berlins. Hier soll ein „Traumhaus“ für das Volk entstehen, mit 13 gastronomischen Einrichtungen, Jugendklub, Theater, Galerie und vollautomatischer Bowlingbahn. „Ich war ein DDR-Kind. Wenn etwas gebaut und gemacht wurde, bei dem ich das Gefühl hatte, das ist für uns, das fand ich toll“, erinnert sich Brigitte Fahlisch heute an die Zeit vor 50 Jahren.
Der Palast der Republik stellte eine Kontrast zum Alltag in der DDR dar.
Teures Bauwerk wird zum „Ballast der Republik“
Auf dem Platz, auf dem der Palast errichtet wird, stand bis 1950 das Berliner Stadtschloss. Die DDR-Regierung ließ die Ruine des Gebäudes sprengen. Danach diente der in Marx-Engels-Platz umgetaufte Schlossplatz über zwei Jahrzehnte als Demonstrationsplatz nach Moskauer Vorbild. An Festtagen zogen hier 750.000 Menschen an der winkenden Partei- und Staatsführung vorbei. Doch die meiste Zeit blieb der Platz öde und leer.
Erich Honecker, seit 1971 der neue Mann an der Spitze der DDR, will diese Lücke schließen. Die Mitte der Stadt soll ein neues Wahrzeichen erhalten, einen Palast der Republik als architektonisches Symbol einer neuen, weltoffenen DDR. Die Bevölkerung findet jedoch nicht nur Anerkennung für das neue Staatsgeschenk und spricht vom „Ballast der Republik“. Schließlich verschlingt das Vorhaben Geld, das überall im Land für den Wohnungsbau fehlt.
Knowhow vom Klassenfeind
Und ohne das Knowhow des Klassenfeindes ist der sozialistische Prestigebau nicht umsetzbar. Der Stahl für den Skelettbau kommt aus Schweden, aus Manchester der Spritzasbest für den Brandschutz, verkupfertes Fensterglas aus Belgien, Marmor aus Italien, Parkettholz aus Kanada, Armaturen aus Dänemark. Der große sechseckige Saal mit Schwenkparkett, verschiebbaren Wänden und einzigartiger Bühnentechnik ist allerdings eine Weltsensation – hergestellt in der DDR. „Das kann nicht mal Amerika bauen“, heißt es.
Am 23. April 1976 wird der Palast feierlich eröffnet. Und Brigitte Fahlisch ist dabei: „Das war für mich wie eine zweite Hochzeit. Ich wollte an diesem Tag besonders schön aussehen“, erinnert sie sich. Das Festtagskleid dafür hat sie sich extra aus dem Westen schicken lassen, von ihrer Tante aus Hamburg.
Ob Parteitag, Frühjahrsball oder Konzertarena – der Palast der Republik war oft gut besucht – ebenso wie der Platz davor.
„Brot und Spiele“ in „Erichs Lampenladen“
Im Schnitt bevölkern über 10.000 Besucher pro Tag das Haus. Die Ausnahme von der Regel: Der Palast der Republik ist der paradoxe Prachtbau einer ständig gegen den eigenen Mangel ankämpfenden Gesellschaft. Mit „Brot und Spielen“ buhlt der Staat hier um Anerkennung bei der Bevölkerung, die das Angebot auskostet und den leuchtenden Glaspalast dennoch als „Erichs Lampenladen“ bespöttelt. Dass hier auch mehrmals die Volkskammer, das Parlament der DDR, tagt, davon bekommen die Besucher kaum etwas mit.
Zwar nutzt die SED den Großen Saal für ihre Parteitage und den Platz vor dem Palast für große Manifestationen, auf denen die Jugend ihre Verbundenheit zum Staat bekundet, doch solche Propaganda-Spektakel bleiben die Ausnahme. Was die Besucher vor allem in den Großen Saal zieht, ist die populäre Unterhaltungsshow „Ein Kessel Buntes“ des DDR-Fernsehens. Stars aus dem Westen geben hier Konzerte: Milva, Santana, Harry Belafonte. Udo Lindenberg gelingt hier sein einziger Auftritt in der DDR.
Mit dem „Sonderzug nach Pankow“ unterwegs: Udo Lindenberg im Palast der Republik im Jahr 1983.
Ein Stück Zeitgeschichte verschwindet
Am 7. Oktober 1989 feiert Erich Honecker mit geladenen Staatsgästen den 40. Geburtstag der DDR im Palast, während davor Demonstranten für Veränderungen und Demokratie demonstrieren. Es ist der letzte Geburtstag der Republik im Herbst 89. Im Frühjahr 1990 wird der Palast zum internationalen Medienzentrum der ersten freien Wahl in der DDR – über 5.000 Journalisten aus aller Welt berichten.
Im Plenarsaal der neu gewählten Volkskammer stimmen die Parlamentarier schließlich über das Schicksal der DDR ab. Mehrheitlich entscheiden sie sich für den Beitritt zum „Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland“. Nur wenige Wochen später, im September 1990, wird der Palast der Republik wegen Asbestverseuchung geschlossen – und nie wieder geöffnet.
Mit der Wiedervereinigung beginnt der Streit über den Palast der Republik – ein Kulturkampf zwischen Ost und West, der über ein Jahrzehnt andauert. Soll der Palast als beliebtes Volkshaus erhalten bleiben? Oder soll er als ein Symbol der SED-Diktatur abgerissen werden? Diskutiert wird, ob das Berliner Stadtschloss wieder an seine alte Stelle kommen soll, besser gesagt: eine Kopie des Schlosses.
„Für mich ist der Palast immer noch da“
Von seinem Mobiliar und von Asbest befreit, bleibt schließlich nur noch der Rohbau des Palastes übrig. 2001 wird eine internationale Expertenkommission aus Architekten, Stadtplanern und Historikern berufen, die für die Mitte Berlins, das Herz der Stadt, einen Vorschlag unterbreiten soll. Sie empfiehlt einen Neubau und damit den Abriss des Palastes. 2002 stimmt der Bundestag mehrheitlich dafür. An der Stelle von „Erichs Lampenladen“ soll das Humboldt-Forum mit den barocken Fassaden des Berliner Stadtschlosses errichtet werden.
Als 2006 der Abriss des Palastes beginnt, steht Brigitte Fahlisch wieder an diesem geschichtsträchtigen Ort und kann es kaum fassen: „Ich habe es einfach nicht verstanden. Es hat richtig weh getan.“ Der Palast, an dem sie einst mitgebaut hat, ist verschwunden. Das Humboldt-Forum mit seinen barocken Schlossfassaden hat ihn ersetzt. Doch noch immer zieht es Fahlisch hierhin zurück. „Es ist ganz komisch“, sagt sie, „aber für mich ist der Palast immer noch da.“
Source: tagesschau.de