35 Jahre nachdem dieser Wende: Die vergessene Geschichte einer Nähfabrik in Salzwedel

Beim Rundgang muss Christel Olbrich aufpassen, wo sie hintritt. Einige Zimmer des alten Fachwerkhauses sind leer, andere voller Schutt. Von der Decke hängt ein loses Kabel, das im Sonnenlicht einen schmalen Schatten wirft. „Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie das hier früher aussah“, sagt die 80-Jährige, halblange dunkle Haare, Halstuch mit Blumenmotiven.

Dort, wo heute nur eine leere Wand steht, standen früher hohe Stoffregale. Daneben ratterten die großen Nähmaschinen. In einem anderen Raum lacht sie kurz. „Hier wurden die Hosen gedämpft, das hat richtig gestunken.“ Im Dachgeschoss blickt sich Olbrich länger um. „Das war meine Abteilung – hier war es richtig kuschelig.“ Sie sieht den Staub auf dem Boden, den abgeblätterten Putz an der Wand. Früher stand hier Olbrichs alte Rechenmaschine. „Es wäre schön, wenn man die noch finden würde“, sagt sie und schweigt. Zu DDR-Zeiten wurden in diesem Gebäude Kleider genäht – neuerdings wird zumindest wieder daran erinnert.

Olbrich war Lohnbuchhalterin in der „Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) Modewerkstätten Salzwedel“, einem textilverarbeitenden Betrieb in der sachsen-anhaltischen Stadt. Hier wurde hochwertige Kleidung für Männer, Frauen und Kinder hergestellt – dazu die in der ganzen DDR bekannten Dederon-Beutel. Die Räume des Bürgermeisterhofes, so der Name des Gebäudekomplexes, kennt Olbrich noch gut, als sie zum Winteranfang davon erzählt. „Ich hatte immer den Leuten die Lohntüten gebracht“, sagt sie. „Das war richtiger Sport.“ Drei Etagen hoch und runter, von Abteilung zu Abteilung. Wenn sie kam, wurde sich gefreut. Der Zusammenhalt unter den rund 140 Kollegen, der Großteil Frauen, sei überhaupt gut gewesen. „Keiner blickte auf den anderen herab, manchmal haben wir bei Geburtstagen angestoßen.“

All das ist lange her. Vor 35 Jahren wurde der Betrieb abgewickelt – als einer der ersten Salzwedel. „Es ging alles sehr schnell“, erinnert sich Olbrich, und nippt an einer Tasse Tee.

Nach der Leipziger Messe kam der Schock

Ebenso denkt sie an den Anfang: 1957 zog die Nähfabrik in die Räume des weiß angestrichenen Fachwerkhauses, das teilweise bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Olbrich begann Mitte der 1970er mit ihrer Arbeit. Wie viele Arbeitsstätten in der DDR war die PGH dabei mehr als ein Betrieb – sie war soziales Gefüge. Eines, das eng mit Salzwedel verwachsen war. „Wir hatten überallhin Kontakte, ein paar Kleider oder Beutel konnten wir immer gegen Apfelsinen oder Rouladen eintauschen.“

Die meisten Beschäftigten seien auch zufrieden gewesen – die Produktionsgenossenschaften boten in der DDR teilweise bessere Arbeitsbedingungen als andere Betriebe. „Wir hatten zweimal im Jahr Mitgliederversammlungen, wo alle ihre Meinung sagen durften, auch das Geld war vergleichsweise in Ordnung.“ Dann kam die Wende.

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Entscheidend war die Leipziger Messe, im April 1990. Wie jedes Jahr fuhren Vertreter*innen der PGH in die Messestadt, um Verträge mit Kaufhäusern und anderen Abnehmern abzuschließen. „Unsere Kollegen kamen zurück und hatten keine einzige Hose verkauft“, sagt Olbrich. „Da wussten wir: Das war der Anfang vom Ende.“ Statt maßgeschneiderte Kleidung aus Salzwedel zu kaufen, zog es viele Kunden zu den neu eröffneten Billigketten wie Woolworth – oder direkt in die West-Kaufhäuser, die Grenze zu Niedersachsen war nicht weit.

Ich hätte den Beruf gerne weitergemacht

Beate Klaas

Als im Mai 1990 die Kündigungen einflatterten, war das für die PGH-Beschäftigten eine harte Zeit – auch trotz Abfindungen, die je nach Betriebsdauer gezahlt wurden. „Wir hatten natürlich Angst, was aus uns wird“, erinnert sich Beate Klaas, 54, zum Zopf gebundene Haare und freundliches Lächeln. Zur Wendezeit hatte sie als damals 18-Jährige in der PGH eine Ausbildung als Näherin gemacht und gerade noch ihren Abschluss vollenden können.

„Ich hätte den Beruf gerne weitergemacht“, sagt Klaas heute. Die Arbeit als Selbstständige fortführen? Klang interessant – an Räume oder Equipment zu kommen, war jedoch schwer. Sie hatte sich dann bei Schneidereien im niedersächsischen Lüchow beworben. „Da wollten dann viele von hier hin – da war natürlich keine Chance.“ Beate Klaas arbeitete daraufhin in verschiedenen Berufen, unter anderem in einem Kiosk und in einer Diskothek, später wurde sie Schulsekretärin. „Ich habe mich durchgejobbt und den Mut nicht aufgegeben.“

Für Christel Olbrich, zur Wende 44 Jahre alt, lief es anders. Die Lohnbuchhalterin fand über Umwege eine neue Anstellung bei der Sparkasse. Materiell sicherte es sie ab – trotzdem erlebte auch sie schamvolle Situationen. „Ich hatte einerseits Glück, anderseits erlebte ich auch negative Reaktionen, wenn ehemalige Kolleginnen ohne Job zur Bank kamen. ,Du weißt gar nicht, wie schwer mir das fällt, hierher zu kommen und dich zu sehen‘, hatte eine zu mir gesagt.“

Eine Geschichte wie viele in Ostdeutschland – diesmal sichtbar

So oder so – die Frauen der PGH schlugen sich durch – während ringsherum in Salzwedel immer mehr Betriebe dichtmachten. Doch hatte es so kommen müssen? „Es gab schon Kollegen, die versucht hatten, etwas Neues aufzuziehen, aber die bekamen keinen Kredit“, sagt Olbrich. Die Geschwindigkeit der Entwicklungen erschwerte vieles zusätzlich. Klar ist: Ostdeutsche, die Betriebe in Eigenregie weiterführen wollten, wurden kaum unterstützt. Sie erinnert sich an die Erfahrungen in der Sparkasse. „Manche aus dem Westen haben uns wirklich für blöd gehalten.“

Hätte nicht der Staat als Bürge einspringen können, anstatt alles zu schließen oder westdeutschen Firmen zu geben? Eine Nähgenossenschaft, diesmal wirklich Eigentum der Arbeiterinnen? In den 1990er Jahren gab es tatsächlich alternative Ideen. Die Gewerkschaft IG Metall schlug damals vor, die Treuhand in eine Industrieholding umzuwandeln. Statt Ausverkauf und Zerschlagung hätte so vielleicht ein Teil der Betriebe gerettet werden können. Parlamentarische Mehrheiten dafür gab es nicht, die Gegner der Treuhand waren zu schwach. Auch die PGH in Salzwedel wurde damit zur Erinnerung.

Es gab schon Kollegen, die versucht hatten, etwas Neues aufzuziehen, aber die bekamen keinen Kredit

Christel Olbrich

Eine Erinnerung, die schrittweise wieder sichtbar wurde. Ganz konkret in einer kleinen, 15 Quadratmeter großen Kammer im Erdgeschoss des Bürgermeisterhofes. Hier hängt ein eingerahmter Lehrvertrag aus den 1970er Jahren. Daneben das Kündigungsschreiben an dieselbe Mitarbeiterin aus dem Jahr 1990. Zwei Blätter Papier – dazwischen fast zwei Jahrzehnte Arbeit. Außerdem findet man Stoffreste, Nähgarn, einen Nähtisch, alte Fotos, Modeposter – und Schnapsflaschen, die in Wänden versteckt waren.

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„Seltsames Sammelsurium im kleinsten Museum der Altmark“, nennt Yulian Ide das. Ide, Kurzbart und 38, kommt mit seiner Familie aus der Region, engagiert sich ehrenamtlich im Verein des Bürgermeisterhofes und hat die Gegenstände zusammengetragen. Vieles wurde bei Renovierungsarbeiten aufgefunden. „Es war zu schön, um es wegzuwerfen, aber nicht museumsreif genug für das richtige Museum“, sagt er.

Ide begann sich stärker mit der Geschichte des Hauses zu beschäftigen. „Abkürzungen wie VEB und PGH waren für mich am Anfang böhmische Dörfer“, sagt er lachend. Die Auseinandersetzung nahm jedoch zu – auch durch die Besuche im Hof. „Einige ehemalige Mitarbeiterinnen wohnten hier in der Nähe und kamen immer mal wieder vorbei, wenn wir Baueinsätze hatten.“ So verfestigte sich die Idee, die Erfahrungen der ehemaligen Beschäftigten festzuhalten.

Es war zu schön, um es wegzuwerfen, aber nicht museumsreif genug für das richtige Museum

Yulian Ide

Für Ide hat das auch eine politische Dimension: „Im Kleinen erzählt diese Geschichte das, was in ähnlicher Form tausendfach in den ostdeutschen Bundesländern passiert ist.“ Und diese Erfahrungen seien zumindest teilweise auch Kern der gesellschaftlichen Frustration, die heute vielerorts zu spüren sei. „Ich habe kein Verständnis, wenn Menschen eine rechtsextreme Partei wählen – aber ich kann nachfühlen, wenn sie sich verletzt fühlen, weil ihr ganzes Arbeitsleben in eine Tonne geworfen wurde.“ Ide spricht offen: „Ursprünglich war das Museum eher als Scherz gedacht, aber jetzt gibt es ganz praktisch den ehemaligen Beschäftigten eine Wertschätzung, die sie in der Zeit nach der Wende nicht unmittelbar bekommen haben.“

In Salzwedel wird wieder genäht aber anders

Das Museum ist dabei nicht der einzige Ort im Bürgermeisterhof, wo das Andenken der PGH weiterlebt. In der ersten Etage ist ein großer Raum mit Nähtischen, Regalen voller Stoffe und Schaufensterpuppen mit Anstecknadeln. Zurzeit wird hier umgeräumt, doch schon bald sollen im Gebäude wieder Kinder nähen. Verantwortlich dafür ist Christiane Nierle. Die 50-Jährige ist Dekorateurin, Bühnenbildnerin und Theaterpädagogin. Im Bürgermeisterhof hat sie eine ehrenamtliche Nähwerkstatt eingerichtet, wo Mädchen aus ihrer Hochstelzengruppe Kostüme herstellen. Die Gruppe zählt rund zwölf Kinder im Alter von acht bis 15 Jahren. Auftritte der Stelzengruppe sind auf Festivals, Schul- oder Kulturveranstaltungen.

„Ich komme aus München, aber bin wegen der Liebe nach Salzwedel gekommen“, erzählt Nierle. Sie suchte einen Raum für ihr Hochstelzenprojekt und fand den Bürgermeisterhof – die Geschichte war ihr dabei anfangs nicht bekannt gewesen. „Das war purer Zufall, dass wir hier gelandet sind.“ Die Gespräche mit den ehemaligen Beschäftigten fand sie spannend. In eine direkte Tradition wolle sie sich aber nicht stellen. „Ich versuche natürlich trotzdem, den Mädchen Wissen und Erfahrung weiterzugeben“, sagt sie. Nachhaltige Materialverwendung, die Nutzung von gespendeten Reststoffen – das sei ihr wichtig. Überhaupt das bewusste Anfertigen von Kleidung. „Ich will den Kindern von früh auf vermitteln, was der Wert von Handarbeit ist.“

Ich will den Kindern von früh auf vermitteln, was der Wert von Handarbeit ist

Christiane Nierle

Ob das auch berufliche Wege prägen könnte? „In dem Bereich klassisch zu arbeiten, ist hier kaum möglich, aber manche gehen vielleicht auf Kunst- oder Designhochschulen“, sagt Nierle.

Und wie viele der Kinder bleiben im Ort? Eine Frage, die von wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen abhängt. „Die Zukunft macht mir gerade Angst“, sagt Nierle. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen derzeit bei rund 40 Prozent. Die Überreste der ostdeutschen Textilindustrie kämpfen derweil mit hohen Energiepreisen und billiger Konkurrenz aus Asien. Am Ende der DDR arbeiteten in der Branche noch rund 300.000 Menschen. Zwei Jahre nach der Wende waren 280.000 Arbeitsplätze verschwunden. Die meisten davon gehörten Frauen. Heute gibt es noch etwa 16.000 Stellen im Osten. In Salzwedel können nur wenige davon leben.

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Noch einmal zusammenkommen

Das war nicht immer so. Und einmal wurde noch an die alte Zeit gemeinsam erinnert: im Mai vergangenen Jahres. Da fand ein erstes Treffen der ehemaligen PGH-Beschäftigten im Bürgerhof statt – fast genau 35 Jahre, nachdem die Kündigungen eingetroffen waren. Initiiert hatte das Treffen Yulian Ide vom Bürgermeisterhof, viel lief über Flyer und Mundpropaganda. Einzelne Kollegen hatten zwar immer Kontakt gehalten, doch dass nun rund 40 von ihnen zusammenkamen, war neu. „Bei manchen musste ich erstmal fragen, wer sie waren“, erinnert sich Christel Olbrich.

Die ehemaligen Beschäftigten tauschten dann Erinnerungen bei Kaffee und Kuchen, gaben Zeitzeugen-Interviews für ein lokales Medienprojekt und unternahmen Rundgänge im Haus. „Wir mussten uns erstmal ein bisschen wieder annähern, aber dann war es schön.“ Ob so ein Projekt helfen kann, beim Verarbeiten der Geschichte? „Die meisten hatten mit der Vergangenheit abgeschlossen“, sagt Olbrich. Vordergründig. Sie sei trotzdem froh, ihren Enkelkindern von dem Treffen erzählen zu können.

Erinnerung kann sichtbar machen, was einmal war. Vielleicht auch etwas von der Würde zurückgeben, die mit den Arbeitsplätzen verschwand. Die PGH kommt dadurch jedoch nicht zurück – und auch die Brüche in den Lebensläufen bleiben. „Es gibt in Salzwedel lokale Netzwerke, die sich unterstützen – vielleicht könnte es unter anderen Umständen mal wieder eine kollektive Nähwerkstatt geben“, sagt Yulian Ide und lächelt. Seine Kleidung würde er dort hinbringen.

Als Christel Olbrich später noch einmal durch das Gebäude geht, bleibt sie kurz stehen. Sie stellt sich die Kinder vor, die hier bald wieder Kostüme nähen werden. Stoff raschelt, jemand sucht eine Nadel, Stimmen tuscheln. Im Bürgermeisterhof wird wieder genäht.

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