„20, Ukraine… Guter Leib“: Wie junge Osteuropäerinnen in Epsteins Netz gerieten

Im November 2013 schrieb Jeffrey Epstein in einer E-Mail an eine junge Slowakin: „Ich bin enttäuscht, aber ich verstehe.“ Die damals 19 oder 20 Jahre alte Justina hatte davor geschrieben, dass sie es nicht schaffe, nur zwei Tage später nach Paris zu fliegen. Der verurteilte amerikanische Sexualstraftäter drängte auf ein Treffen in der französischen Hauptstadt, sobald Justina ihre Vorlesungswoche in der Slowakei hinter sich habe, Justina schimpfte auf die „blöden slowakischen Airlines“.

Einen Tag später schlug ihr Ton ins Spielerische um: Sie sehe „so viele Zeichen“, die für ein baldiges Treffen mit Epstein in Paris sprächen. Erst habe sie im Fitnessstudio ein Bild vom Eiffelturm gesehen, dann im Radio etwas über französische Schulen und Baguettes gehört. Anfang Februar 2014 könnte, so die Anhaltspunkte in den von der F.A.Z. gesichteten E-Mails, tatsächlich ein Treffen Epsteins mit der 40 Jahre jüngeren Justina in Paris stattgefunden haben.

Epstein betrieb die Suche nach jungen Frauen systematisch. Der 2008 wegen Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger verurteilte Investmentbanker unterhielt ein Netzwerk von Männern und Frauen, das den Zweck hatte, ihm immer neue Frauen zuzuführen. Das Urteil eines Gerichts in Florida wurde weithin als zu milde kritisiert: Epstein kam nach nur 13 Monaten Haft mit lockeren Bedingungen frei. Danach fokussierte er sich nicht mehr auf Minderjährige, sondern auf knapp volljährige Frauen. Die kamen auffallend oft aus Mittel- und Osteuropa.

Ein russisches Model rekrutierte neue Frauen für Epstein

Im Falle von Justina, deren richtigen Namen die F.A.Z. kennt, aber aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht nennt, bedeutete dies, dass sie und Epstein sich nicht einfach kennenlernten. Vielmehr wurde die junge Slowakin laut einem Bericht der slowakischen Zeitung „Denník N“ von einer anderen jungen Frau zu Ep­stein geführt. „Hättest du Interesse?“, schrieb demnach eine Kira im August 2013 an Epstein. Der bejahte – und noch im selben Monat wurde laut den Akten über eine andere Assistentin ein erstes Treffen Ep­steins mit Justina in New York terminiert, wo die junge Slowakin sich schon vorher mindestens zeitweise aufhielt.

Weitere Recherchen legen nahe, dass hinter Kira, die in den Akten unter anderem mit der E-Mail-Adresse kiradkgb@aol.com vorkommt, das russische Model Kira D. steckt, die nach eigenen Angaben von der Halbinsel Krim stammt und auch Familie in der Ukraine hat. Besonders perfide an Kira D.s Art der Kuppelei war, dass sie sich mindestens zum Schein mit den zukünftigen Opfern befreundete. „Ich habe dir alle gut aussehenden Freundinnen vorgestellt, die ich, seit ich 18 bin, kennengelernt habe“, schrieb Kira D. im August 2015 an Epstein. Die Klammerbemerkung „ich habe keine Freundinnen mehr übrig lol“ verrät den Zynismus, der in den Austauschen gängig war. Kira D. pries ihre „Freundinnen“ wie in einer E-Mail aus dem September 2012 mit Angaben wie „20, Ukraine . . . Guter Körper“, woraufhin Epstein fragte: „Wo ist sie?“

Ein Mailaustausch zwischen Justina und EpsteinUS-Justizministerium

Wie stark der Amerikaner auf Äußerlichkeiten fixiert war und wie abwertend er sich ausdrückte, offenbart auch eine E-Mail vom Oktober 2012. „Ich habe ihr gesagt, sie soll ihren Hintern in Form bringen“, schrieb er an Kira D. über eine junge Frau, die er offenbar schon getroffen hatte. Kira D. versicherte ihm: „Ich habe mit meinem Personaltrainer private Trainingseinheiten für sie arrangiert.“

Auch bei jener jungen Frau deutet der Vorname auf eine osteuropäische Herkunft hin – offensichtlich das bevorzugte Beuteschema Epsteins. Länderangaben („Ukraine“, „Slowakei“) und die Art der Beschreibung in den oft sehr kurzen E-Mails reduzierten die Frauen auf Herkunft, Alter und Aussehen. Teils geht es aber auch um ihre Träume: Bei Frauen aus dem Osten Europas, die auf eine Modelkarriere in westlichen Metropolen hofften, konnte ein Mann wie Epstein mit Geld, Flugtickets und Versprechen sehr einfach ein Machtgefälle herstellen.

Sie nutzten Modelagenturen, um Frauen zu finden

Exemplarisch zeigt sich das in einer E-Mail einer Ukrainerin aus dem Jahr 2011, die sie direkt an Epstein schrieb. Offenbar geht es darin um ein geändertes Flugdatum, weshalb sie nun länger in Paris bleiben müsse. Die Frau fleht Epstein um Hilfe an, das Leben in der französischen Hauptstadt sei einfach zu teuer. Wenn das Flugdatum nicht wieder geändert werde, brauche sie mehr Geld, da sie auch ihre Mutter unterstützen müsse. „Ich habe ihr versprochen, dass ich alle ihre Probleme lösen werde. Wir sind in der Ukraine fast obdachlos“, schreibt die Frau. Sie deutet weiter an, dass ihre Mutter misshandelt werde. Die Situation sei sehr kompliziert. „Und ich werde alles für sie tun. Und für dich, Jeffrey“, schreibt sie fast schon bettelnd. „Bitte hilf mir einfach, auf jede Weise, die dir möglich und angemessen erscheint.“

Wer die junge Frau ist, bleibt unklar. Doch zeigen Recherchen, dass es offenbar über Jahre hinweg einen regen Austausch zwischen Modelagenturen aus der Ukraine und Frankreich gab, insbesondere über den französischen Agenten Jean-Luc Brunel. Dieser war ein langjähriger Geschäftspartner Epsteins und wurde 2020 unter anderem wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung Minderjähriger festgenommen. Auch soll er Mädchen als Models in die USA gebracht und dann Epstein zugeführt haben. Brunel war Medienberichten zufolge auch an der Gründung mindestens einer Modelagentur in der Ukraine beteiligt.

Im Jahr 2010 sprechen er und Masha Manyuk, Chefin der Kiewer Agentur Linea 12, über einen Vertrag für ein ukra­inisches Model und eine für sie geplante Reise nach New York. Brunel leitete die E-Mails an Epstein weiter. Manyuk wusste nach eigenen Angaben nichts von der Verbindung zwischen Brunel und Ep­stein. „Es war sehr seltsam für mich, denn ich kannte (Brunel) seit vielen Jahren, und es gab nie auch nur den geringsten Hinweis darauf.“ Laut Manyuk war Brunel mindestens alle paar Jahre in Kiew, um nach Models zu suchen. Brunel wurde 2022 tot in seiner Pariser Gefängniszelle aufgefunden. Am Samstag teilte die französische Staatsanwaltschaft mit, sie werde nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten den Fall Brunel neu aufrollen.

Such lieber Ukrainerinnen

In den Dokumenten, in denen es um Frauen aus Russland und der Ukraine geht, taucht ein Name immer wieder auf: der von Epsteins Assistentin Lesley Groff. Auch Kira D. hatte regelmäßig Kontakt zu ihr. Im August 2018 scheint Groff Reisen für Frauen koordiniert zu haben, wobei als Ziele unter anderem Moskau und Odessa angegeben werden. Und sie arrangierte regelmäßig Reisen von Ukrainerinnen, wahrscheinlich Models, nach Paris.

Eine Ukrainerin bittet Epstein um HilfeUS-Justizministerium

Auch in der russischen Hauptstadt wurde immer wieder versucht, Frauen anzuwerben. Allerdings nicht ohne Probleme. So schrieb offenbar eine Frau schon 2010 an Epstein, dass es einfacher sei, Frauen in der Ukraine zu finden, „die Moskauer Mädchen sind sehr verwöhnt… auf jeden Fall ist es gut, in Kiew mal nachzusehen“. 2014 erhielt eine mutmaßliche Russin in Moskau kein Schengen-Visum, „wegen der Situation in der Ukraine“.

Neben Kira D. steht vor allem das Model Daria B. aus Nowosibirsk in Verdacht, junge Frauen für Epstein rekrutiert zu haben. Überhaupt scheint es, dass Ep­stein und seine Mitarbeiter immer wieder Visa für junge Frauen besorgten, um sie in die USA zu bringen. Dabei geht es um Studenten-Visa, Sprachkurse oder auch Arbeitserlaubnisse.

Epstein war darauf bedacht, die jungen Frauen von ihm abhängig zu machen, sich selbst aber in keiner Weise zu binden. „Ich möchte, dass du Erfolg hast, ich möchte nicht dein Freund sein, ich möchte, dass du frei bist zu wachsen“, schrieb er an Justina, die im Januar 2014 fragte, warum er ihr Geld für ein Tablet schickte. Die Slowakin bedankte sich auch nach Epsteins Worten über ihr Verhältnis überschwänglich und schrieb: „Ich will, dass du stolz auf mich bist.“

Widerworte wagte dagegen Anna, die mit Epstein eine ungleich längere Beziehungs- und Leidensgeschichte teilte. Im August 2010 schrieb die zu jenem Zeitpunkt mindestens 23 Jahre alte Slowakin an Epstein: „Du hast mir ein Baby, Zeit für mich, Immobiliendeals, eine Wohnung in Prag, ein Schloss in der Slowakei, ein Haus in Florida, Autos und ein Flugzeug versprochen und nichts davon gehalten.“ Sie fühle sich ausgenutzt, schrieb sie weiter. Und betonte zugleich, dass sie mehr Zeit mit Epstein verbringen wolle. Wenige Tage zuvor forderte sie Epstein auf, öffentlich zu erklären, sie sei keine „Sexsklavin“ des Amerikaners gewesen, sondern Epsteins Freundin und „Liebe des Lebens seit sieben Jahren“.

Schon damals wurde über Annas zweifache Rolle als minderjähriges Opfer und mutmaßliche Kupplerin zu einem späteren Zeitpunkt berichtet. Im Jahr 2007 nannte ein Deal zwischen Epstein und den Strafverfolgungsbehörden Anna als eine der „möglichen Mitverschwörerinnen“, denen Immunität gewährt wurde. Die Abwehr journalistischer Recherchen brachte Anna laut den jüngst veröffentlichten Akten auch im Januar 2015 dazu, sich an Epstein zu wenden.

Ein Motorrad für Annas Vater?

Damals hatte sich ein britischer Journalist auf den Weg in die Slowakei gemacht und begonnen, in Annas Umfeld zu recherchieren. Sie schrieb an Epstein: „Ist es schlecht, ein Facebook-Profil zu erstellen und seine Freunde zu kontaktieren, um ihnen zu sagen, dass ich eine Geschichte über ihn und seine Belästigung unschuldiger Menschen, ihrer Familien und Freunde schreibe?“ Epstein antwortete, das sei eine „lustige Idee“.

Offenbar hatte auch Annas Vater, ein seit vielen Jahren äußert angesehener Architekt, Berührungspunkte mit Epstein. Laut jüngsten slowakischen Berichten nahm er im Jahr 2006 ein von Epstein geschenktes Motorrad an. Der Vater selbst wollte sich gegenüber slowakischen Medien und auch der F.A.Z. nicht äußern. Die Zeitung „Sme“ schreibt, hinter seinem Schweigen könnte auch Angst um die Sicherheit seiner Tochter stehen, deren Aufenthaltsort derzeit nicht bekannt ist.

Das wendungsreiche Verhältnis von Anna und Jeffrey Epstein beleuchtet aber auch eine andere Facette der Beziehung des Milliardärs zu jungen Frauen. Gerade in den letzten Jahren vor seinem Tod in Untersuchungshaft im August 2019 mimte Epstein den persönlichen Förderer. Im November 2018 wies er seinen Buchhalter an, zugunsten einer Marketingfirma für die Luftfahrtindustrie eine weitere Überweisung in Höhe von 45.000 US-Dollar zu tätigen. Als Geschäftsführerin des Unternehmens firmierte Anna, die sich in den Zehnerjahren auch in den sozialen Medien als Pilotin präsentierte. Und gegenüber Justina stellte Epstein seine Zuwendungen explizit als Starthilfe auf dem Weg zu „Erfolg“ dar.

Für eine Kira T., die 2009 in New York studierte, bezahlte Epstein die Universitätskosten. Auch sie ist wohl ein russisches Model, das auch später noch den Kontakt zu ihm suchte. So schrieb sie ihm 2011, sie sei mit Zwillingen schwanger. Anderthalb Jahre später schickte sie Ep­stein eine E-Mail mit dem Betreff: „Bilder, Zwillinge 1 Jahr alt“. Im Oktober 2013 fragte Epstein sie, ob sie „neue Freunde für Jeffrey“ habe. „Ich wünschte“, antwortete Kira T., „aber alle meine Freunde sind jetzt Hunde und Kleinkinder.“

Epstein: Frauen sind Russlands besten Export

In die Karriereförderung mutmaßlicher Gespielinnen spannte Epstein auch seine politischen Kontakte ein. Im März 2018 schrieb er eine SMS an den damaligen slowakischen Außenminister und Vorsitzenden der UN-Generalversammlung, Miroslav Lajčák. Darin setzte er sich dafür ein, dass eine „gebildete“ Frau in die UN-Aktionsdekade gegen die globale Wasserkrise eingebunden wird und schrieb: „Ich werde bei Bedarf einen Zuschuss gewähren.“ Lajčák antwortete: „Auf jeden Fall! Lass sie mich kontaktieren, ich werde das arrangieren.“

Die Frau arbeitete bis dahin für das International Peace Institute (IPI) in New York. Dessen Präsident war der frühere norwegische Diplomat Terje Rød-Larsen, ein weiterer Kontakt Epsteins. Nachdem Epstein ihr Lajčáks SMS weitergeleitet hatte, bedankte sie sich überschwänglich: „Du bist der Beste, Sneaky!!!“ Sie werde „tun und küssen, was immer du willst“. Laut dem Recherchenetzwerk OCCRP soll es sich bei jener Frau um eine Russin handeln. Ein halbes Jahr später bezeichnete Epstein in einer SMS an Lajčák die Frauen als Russlands „besten Export“.

SMS zwischen Epstein und LajčákUS-Justizministerium

Eine andere Osteuropäerin begleitete Epstein bis fast in den Tod. Karyna Shuliak, eine gebürtige Belarussin, wird in Ep­steins Testament als erste Person bedacht: mit 50 Millionen Dollar. Außerdem erhielt sie einen Diamantring sowie 48 einzelne Diamanten in der Erwartung, dass Epstein sie heiraten würde. Sie kam 2009 im Alter von 20 Jahren in die Vereinigten Staaten, um dort Zahnmedizin zu studieren. Ungefähr zu dieser Zeit lernte sie Epstein kennen.

In einem E-Mail-Verkehr von 2013 wird sie als „sehr wichtig für Jeffrey“ beschrieben. Der Absender vermutet, dass sie seine Freundin sei. Weiter heißt es: „Reist mit Jeffrey und hilft bei der Koordination von Reisen/Flugzeugessen/Logistik. Nimmt mit Jeffrey an Abendessen/Partys teil.“ Allerdings soll sie auch explizit von bestimmten Informationen ausgeschlossen werden. Shuliak war offenbar auch im August 2019 die letzte Person, mit der Epstein vor seinem Suizid im Gefängnis telefonierte. Das Gespräch dauerte etwa 20 bis 30 Minuten, der genaue Inhalt ist unbekannt.

Source: faz.net