20 Jahre nachdem Mord: Hunderte erinnern an Dortmunder NSU-Opfer Kubaşık

Stand: 04.04.2026 • 17:35 Uhr

Heute jährt sich der rechtsextreme Mord am Dortmunder Mehmet Kubaşık zum zwanzigsten Mal. Seine Familie fordert Aufklärung und rief zu einer Großdemonstration auf. Auch NRW-Ministerpräsident Wüst nahm an dem Gedenken teil.

Von Christof Voigt

Es ist beklemmend. Viel Trauer liegt am Samstagnachmittag in der Luft. Mehr als 500 Menschen haben sich in Dortmund an dem Ort versammelt, wo Mehmet Kubaşık vor 20 Jahren ermordet wurde. Einer von ihnen ist NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. In seiner Rede bittet er Familie Kubaşık „im Namen des Landes Nordrhein-Westfalen“ um Entschuldigung. „Heute vor 20 Jahren hat der Staat versagt“, findet Wüst deutliche Worte. „Was passiert ist, erfüllt mich mit Scham.“

Ähnlich klare Worte wählt auch Dortmunds Oberbürgermeister Alexander Kalouti. Der Mord an Mehmet Kubaşık sei ein „Angriff auf uns alle“ gewesen, so der CDU-Politiker.

Gedenken in Dortmund an die NSU-Opfer.

Es wird aber nicht nur an Mehmet Kubaşık gedacht. Seine Familie macht auch ihre Forderung deutlich: Die NSU-Morde müssen noch weiter aufgeklärt werden. Vor Ort werden auch Fotos der anderen Opfer, die durch den NSU ermordet wurden, hochgehalten, um ihrer zu gedenken.

Dortmunder OB unterstützt Forderung der Familie nach Aufklärung

„Es ist an der Zeit, dass der Oberbürgermeister auch anwesend ist“, betonte Kalouti vorab im WDR. Der Fall sei ein Mahnmal, „dafür, dass wir Extremisten nicht einen Zentimeter Raum geben dürfen.“

Oberbürgermeister Alexander Kalouti, Ministerpräsident Henrik Wüst und Familie Kubaşık auf der Gedenkkundgebung von Mehmet Kubaşık

Der Oberbürgermeister schließt sich den Forderungen der Familie nach einer weiteren Aufklärung der Morde an: „Wir müssen den Fall nochmal neu aufrollen und auch schauen ‚was ist falsch gelaufen‘ und ‚wovon müssen wir unbedingt lernen‘. Da sehe ich auch meine Aufgabe als Oberbürgermeister.“

Was war vor 20 Jahren passiert?

In der Dortmunder Nordstadt betrieb der Familienvater Mehmet Kubaşık in der Mallinckrodtstraße seinen Kiosk. In dem wurde er kaltblütig erschossen, von Mitgliedern des rechtsextremen Terrornetzwerks „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU).

Angehörige: Wie und wieso wurde Kubaşık ausgewählt?

Gamze und Elif Kubaşık an der Gedenktafel für Mehmet

Der Mord wird Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugeschrieben. Jenen NSU-Terroristen, die am 4. November 2011 tot in einem ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach gefunden wurden. Sie bildeten gemeinsam mit Beate Zschäpe, die zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, das sogenannte Kerntrio des NSU.

Insgesamt lebte dieses Trio 14 Jahre lang im Untergrund, verübte Bombenanschläge, überfiel Banken und ermordete zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen. Wie und wieso sie ihre Opfer auswählten, ist bis heute nicht geklärt, dazu hat sich auch Zschäpe nie eingelassen. Das wollen die meisten Familien der Opfer aber wissen. Auch Familie Kubaşık aus Dortmund.

Ich will wissen, wie mein Vater als Opfer ausgewählt wurde. Alle weiteren Täter und Helfer müssen endlich ermittelt werden. Auch in Dortmund.

Gamze Kubaşık, Tochter des Ermordeten

Kubaşık Familie: Welche Unterstützer hatte der NSU in Dortmund?

Demonstration für Mehmet Kubaşık

Gamze Kubaşık, die Tochter des Ermordeten, sagt, sie wolle endlich wissen, was die Polizei und der Verfassungsschutz über den NSU wussten. Auch diesen Forderungen soll mit der Gedenkveranstaltung und Demonstration für Mehmet Kubaşık in Dortmund Nachdruck verliehen werden.

Im Aufruf zum Gedenken heißt es unter anderem, zentrale Aspekte des Mordes an Mehmet Kubaşık seien auch 20 Jahre nach der Tat nicht aufgeklärt. Vor allem, welche Unterstützer*innen der NSU in Dortmund hatte oder warum nie „gegen die in Dortmund zum Zeitpunkt der Tat äußerst gewalttätige Neonaziszene“ ermittelt wurde.

Mord an Mehmet Kubaşık soll nicht vergessen werden

Gamze Kubaşık, die seit vielen Jahren als politische Bildnerin die Geschichte ihres Vaters und des NSU an Schulen erzählt, sagt, es gehe ihr darum, deutlich zu machen, dass der gesellschaftliche Rassismus bis heute eine zentrale Grundlage für rechte Gewalt bilde.

Wir leben in einer Zeit, in der der rechte Druck immer größer wird – in den Parlamenten, in den Köpfen.

Gamze Kubaşık

Erinnerung an liebevollen Vater

Dieser Stein erinnert an das Dortmunder Opfer der NSU-Morde

Daher sei es wichtig, immer wieder auf die vielen offenen Fragen im NSU-Komplex aufmerksam zu machen. Außerdem möchte sie, dass ihr Vater als der in Erinnerung bleibt, der er für seine Familie war: ein liebevoller Familienmensch, der sich in Dortmund ein neues Leben aufgebaut hatte.

Einer, der die Dortmunder Nordstadt geliebt hat, wie auch das Grillen und den Fußball. Und der den Kindern nach der Schule immer ein Weingummi mehr in die gemischte Tüte geworfen hat, als sie bezahlen konnten, in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße.

Unsere Quellen:

  • Gespräch mit dem Dortmunder Oberbürgermeister Alexander Kalouti
  • Initiative „Echoes of Witnesses – Stimmen für die vom NSU Ermordeten“
  • Gespräch mit Ali Şirin, Sprecher Bündnis Tag der Solidarität
  • Bundeszentrale für politische Bildung
  • Beobachtungen des WDR-Reporters vor Ort

Sendung: WDR 2 Ruhrgebiet, Lokalzeit, 2.4.2026, 15:31 Uhr
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Source: tagesschau.de