1959: Die von Thomas Mann erbetene deutsch-deutsche Verfilmung jener Buddenbrooks scheitert

Welche Filme Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sich persönlich gern ansieht? Sind es die Karl-May-Klassiker? Oder lacht er lieber über Die Lümmel von der ersten Bank? Rührt ihn insgeheim Der kleine Lord allweihnachtlich zu Tränen? Man weiß es nicht. Ist auch egal. Was er im Amt tut, zählt. Und da lacht, weint, fackelt er bekanntlich nicht. Sondern setzt Zeichen. Agiert als Zensor ohne Mandat. Vollbringt AfD-Vorarbeit.

Wolfram Weimer richtet Flurschäden an in der deutschen Kulturlandschaft, die vermutlich noch aus dem All mit bloßem Auge gut erkennbar sind. Diesen Job erledigt er überraschend plump. Das ist so gewollt. – Was aber kommt eigentlich dabei raus, wenn ideologisch saubere Kunst verlangt und am Ende auch tatsächlich geliefert wird? Wie geht so was? Ein Beispiel.

Die Buddenbrooks erschienen vor 125 Jahren. Der Roman verhalf Thomas Mann zum Nobelpreis. „Durchfühlt“ sind die Figuren. Durchdacht ist, was sie tun. Der 25-Jährige schreibt, fiktionalisiert, intim von sich und den Seinen und zielt zugleich in die Welt. Im Unternehmen und unter den Buddenbrooks daheim herrschende Zustände meinen Herrschaftszustände in der Gesellschaft auch. Der „Verfall einer Familie“, er geht Hand in Hand mit der in Krisen taumelnd verlaufenden Genese des Kapitalismus. Der Markt lenkt alles. Der Markt lenkt uns ins Nichts.

Thomas Mann liegt viel daran, die Deutschen nicht zu teilen in Diese und Solche

Im Übrigen scheint das Werk kinotauglich. Weniger handlungsarm als spätere Romane des Autors, will man diesen gern verfilmt sehen. So entstand bereits 1923 ein Stummfilm frei nach dem Stoff. Mitten ins aktuelle Jahr der Finanzkrise riss Regisseur Gerhard Lamprecht die Familie Buddenbrook, stieß sie hinein in die Hyperinflation, ließ sie fallen ins Bodenlose. Dem Urheber missfiel der rabiate Zugriff. Er billigte den Film ganz und gar nicht.

Dann, einen Weltkrieg später und nach 16 Jahren Exil, besucht Thomas Mann im Sommer 1949 anlässlich der Goethe-Feiern erstmals wieder Deutschland. Viel liegt ihm daran, die Deutschen nicht zu teilen in Diese und Solche. Er reist nach Frankfurt/Main. Nach Weimar. Hält da wie dort dieselbe Festrede. Die Stadt Weimar macht den US-Staats- zu ihrem Ehrenbürger. Dem Oberbürgermeister schreibt Thomas Mann im Jahr darauf: „Dieser Besuch hat mir viel Tadel und Schmähung eingetragen; und doch war es mir das natürlichste Ding von der Welt […], unbekümmert um eine von der politischen Geschichte herbeigeführte Zonen-Teilung Deutschlands, die der Natur der Dinge nach ewig nicht dauern kann. […] Den Weltzwiespalt, der die Menschheit mit Verwilderung bedroht, müssen beide Teile zu mildern und zu entgiften suchen.“

Das Gegenteil indes geschieht. Und dennoch kehrt im Juni 1952 der Zauberbergmann endgültig nach Europa heim. Das zunehmende Hassklima in den USA treibt ihn von dort fort. Er nimmt seinen Wohnsitz in der Schweiz, umgeht so die Entscheidung: Ost- oder Westdeutschland. Und während man ihm in der DDR sein Engagement gegen Hitler nach wie vor hoch anrechnet, fremdeln im Westen weiterhin viele noch genau damit. Ohne Publikum aber ist der Nobelpreisträger auch dort nicht. 1953 wird sein Roman Königliche Hoheit in der Bundesrepublik verfilmt. Thomas Mann dazu: „Das ist leicht und sollte gelingen.“

Babelsberg erwirbt vom Autor die Verfilmungsrechte

Leicht ist der Stoff in der Tat. Am Drehbuch schreibt die Tochter des Autors, Erika Mann, mit. Regie führt Harald Braun, der bereits unter den Nazis ein gut beschäftigter Regisseur war. Produziert wird der Film von der Firma Filmaufbau Göttingen. Seine Königliche Hoheit wird ein Publikumserfolg. Also, warum nicht andere Bücher Thomas Manns auch verfilmen? Die Buddenbrooks zum Beispiel im Frühsommer 1955 auf die Leinwand bringen, zum 80. Geburtstag ihres Schöpfers? Eine schöne Idee.

Da aber hat Thomas Mann nun entschieden, dass ausgerechnet dieses Werk eine Co-Produktion sein solle zwischen Ost- und Westdeutschland. Und so beginnt es dann auch: Die DEFA erwirbt vom Autor die Verfilmungsrechte, verpflichtet sich aber, eine bundesdeutsche Produktionsfirma mit der Herstellung zu beauftragen. Auch lässt sie sich darauf ein, dass Drehbuch-, Ausstattungs- und Regieposition dem Westen „gehören“. Der Cast soll, da ist man sich einig, ein Ensemble aus Darstellern von hier wie dort sein. DEFA-Studioleiter Hans Rodenberg schreibt an Erika Mann am 10. August 1954: „Tun wir alles; gehen wir bis an die Grenzen der Möglichkeiten! Die gestellte Aufgabe so zu lösen, wie sie sich T. M. am schönsten vorstellt, ist unser Wunsch. […] Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie den Kontakt mit Ophüls ganz in Ihre Hände nehmen.“ Als Regisseur ist Max Ophüls vorgesehen. Was für eine Wahl! Erinnert man sich seines Reigens – Die Buddenbrooks könnten ein Film werden auf der Höhe dessen, was später Luchino Visconti mit Tod in Venedig gelingt.

Die DEFA verhandelt zunächst mit der Gloria Film in München, die auch eine mächtige Verleihfirma ist. Da erscheinen erste Wolken am Horizont. Am 3. September 1954 schreibt Rodenberg: „Sehr verehrte Frau Erika! Wir sind mit dem Beginn der Arbeiten im März 1955 einverstanden, wenn Ophüls zusagt.“ Und berichtet im Folgenden von einem Film-Unterhändler aus Westberlin. Dieser habe „in Bonn im interministeriellen Ausschuss eine Stunde lang einen Vortrag über den Nutzen von Co-Produktionen mit der DEFA gehalten. In dieser Sitzung befanden sich drei Herren, die niemand vorher gekannt hatte. Da man annahm, dass sie der Gehlen-Organisation [d. i. der westdeutsche Geheimdienst] angehören könnten, stimmten alle Anwesenden am Ende dafür, jede Co-Produktion mit der DEFA abzulehnen.“ Dessen ungeachtet hofft Rodenberg weiter, alles werde gelingen, Thomas Mann sei nicht irgendwer, und es gebe eine funktionierende bundesdeutsche Presse, die gegebenenfalls Alarm schlüge. – Aber was ist dieser „Interministerielle Ausschuss“?

Neben der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) – ohne FSK-Freigabe keine Kinoaufführung – agiert seit 1953 ein Interministerieller Filmprüfungsausschuss nahezu konspirativ. Er überwacht den Import von Filmen „aus sowjetisch dirigierten Ländern“ und maßt sich an, gemeinsame Produktionen zwischen der DDR und der BRD zu genehmigen oder zu untersagen. Wollen westdeutsche Kino-Clubs Filme zeigen, sollen „Anträge von Organisationen, gegen die politische Bedenken bestehen“, ausnahmslos abgelehnt werden. Ihnen wird die Entscheidung übermittelt, nicht inhaltlich begründet. – Na, Buchhandlung „Zur schwankenden Weltkugel“, da guckst du. Hat sich nix geändert.

Zwischen DEFA und Gloria kommt kein Vertrag zustande, die Buddenbrooks-Produktion übernimmt die Filmaufbau Göttingen. Max Ophüls erklärt, er könne leider nicht vor Anfang 1956 mit der Arbeit beginnen. So kommt Wolfgang Staudte ins Gespräch, der 1951 für die DEFA Heinrich Manns Der Untertan bravourös inszenierte. Am Ende fällt die Wahl jedoch auf Harald Braun, den sicheren Mann fürs Konventionelle. Noch immer hoffen alle, der Film werde zu Thomas Manns 80. Geburtstag fertig.

Aber kein Dreh ist begonnen, da gehen am 15. August 1955 Fernschreiben durch die DDR: „Im Zeichen der Trauer für Thomas Mann, dessen Beisetzung am Dienstag, den 16. August stattfindet, setzen an diesem Tage alle dem Ministerium für Kultur nachgeordneten Institutionen (künstlerische Hoch- und Fachschulen, Theater, Museen usw.) die Fahnen der Republik auf Halbmast.“

Die DEFA wirft schließlich das Handtuch

Bonn verbietet weiterhin die Co-Produktion. Die Filmaufbau Göttingen wagt nicht, trotzdem mit der DEFA zu arbeiten; so frei ist die freie Marktwirtschaft nun wieder nicht. Es fiele auch schwer, Stars zu gewinnen für eine „illegale“ Produktion. Zwischenzeitlich wird Felix Krull verfilmt. Im September 1958 gibt Babelsberg sich geschlagen und den Weg frei. „In Würdigung der erörterten Umstände“ verzichtet die DEFA auf ihr Recht zur Verfilmung. Der Co-Produktionsvertrag wird aufgelöst. Ende des Lichtspiel-Polittheaters.

Ein Jahr später schreibt Erika Mann an Hans Rodenberg, der inzwischen nicht mehr Chef der DEFA ist: „Der Buddenbrooks-Film ist nun glücklich abgedreht. Wie zu erwarten, konnten mitnichten alle Blütenträume reifen. Dies konnten sie umso weniger, als der – für den im letzten Augenblick erkrankten Harald Braun eingesprungene – Regisseur, ein Geselle namens Weidenmann, diesem Stoff und dieser Sprache so fern stand wie ich Südkorea.“ Rodenberg antwortet: „Für mich war der gemeinsame Film Buddenbrooks ein Liebesverhältnis. Und eine tote Liebe ist schlechter als ein toter Hund.“ Die Kritik erkennt in dem farbigen Zweiteiler eine „gediegene Verfilmung“, „achtbare Einzelleistungen“, eine „Entwicklungsskizze des Buddenbrook’schen Privatlebens“. Entstanden ist unter Mitwirkung vieler Stars und jeder Menge Geld ein weitgehend unpolitischer Film der Spezies gepflegte Langeweile.

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