180 Verletzte in ISrael: Iran sieht neue Phase des Krieges

Aufgerissene Fassaden, verwüstete Straßen – Arad und Dimona boten ein Bild des Schreckens nach den iranischen Angriffen vom Wochenende. Zwei Raketen waren am Samstagabend im Abstand von etwa drei Stunden in den beiden südisraelischen Städten eingeschlagen. Laut Armeeangaben handelte es sich um den dritten und vierten direkten Einschlag einer iranischen Rakete seit Kriegsbeginn Ende Februar. Warum das israelische Abwehrsystem versagt hat, werde untersucht. 180 Menschen wurden verletzt, elf von ihnen schwer. Allein in Arad haben 500 Menschen kein Zuhause mehr.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, als er die Stadt am Sonntag besuchte, das iranische Regime habe absichtlich Wohngebiete beschossen und versucht, Zivilisten zu ermorden. Gleichzeitig fällt es schwer, den geografischen Faktor auszublenden: Unweit der beiden Orte, im Fall von Dimona nur knapp 15 Kilometer entfernt, liegt das Negev-Kernforschungszentrum Schimon Peres – das Teil des inoffiziellen israelischen Atomwaffenprogramms ist. Die Internationale Atomenergiebehörde teilte anschließend mit, sie habe keine Berichte über Schäden an der Anlage erhalten.

Irans De-facto-Machthaber frohlockt

Das iranische Staatsfernsehen stellte die Angriffe als Vergeltung für Luftschläge vom Samstagmorgen gegen seine bereits zuvor weitgehend zerstörte Urananreicherungsanlage in Natans da. Irans derzeitiger De-facto-Machthaber Mohammad Bagher Ghalibaf wertete die Vergeltungsschläge als Erfolg. „Wenn es dem israelischen Regime nicht gelingt, die Raketen im streng geschützten Gebiet von Dimona abzufangen, signalisiert dies operativ den Eintritt in eine neue Phase des Kampfes: Israels Luftraum ist schutzlos“, schrieb er auf der Plattform X.

Ghalibaf ist offiziell Parlamentspräsident. Seit dem Tod des Sicherheitsratschefs Ali Laridschani, für den es noch keinen Nachfolger gibt, hat er vorerst die Führung übernommen. Die Führung in Teheran fühlt sich durch die aktuelle Entwicklung des Krieges offenbar gestärkt und stellt mehrere Bedingungen für ein Ende des Krieges: Reparationszahlungen, Nichtangriffsgarantien und die Schließung amerikanischer Militärbasen in der Region.

Auch der iranische Raketenangriff auf den britisch-amerikanischen Militärstützpunkt Diego Garcia markiert möglicherweise eine neue Phase des Krieges. Zwar erreichte keine der beiden Raketen am Samstag ihr Ziel. Eine wurde laut amerikanischen Angaben abgefangen, die zweite sei wegen eines technischen Defekts abgestürzt.

Netanjahu warnt vor Angriff auf Europa

Aber das Atoll im Indischen Ozean liegt etwa 3800 Kilometer von der iranischen Küste entfernt. Und damit nicht weiter als große Teile Europas. Eine Mittelstreckenrakete dieser Reichweite hatte Iran bisher noch nie getestet. Außenminister Abbas Araghchi hatte noch im Februar behauptet, Iran habe sich selbst die Beschränkung auferlegt, keine Raketen mit einer Reichweite von mehr als 2000 Kilometern zu entwickeln.

Nach dem Zwölftagekrieg im vergangenen Juni hatte es allerdings in Teheran geheißen, der Oberste Führer Ali Khamenei habe alle Reichweitenbegrenzungen aufgehoben. Teheran dürfte mit den Raketenstarts am Freitag bezweckt haben, europäische Staaten von einer stärkeren Kriegsbeteiligung abzuschrecken.

Netanjahu sagte am Sonntag mit Blick auf den Angriff, er habe „schon die ganze Zeit davor gewarnt“. Iran sei jetzt in der Lage, „tief ins europäische Festland vorzudringen“, erläuterte er und verwies darauf, dass Iran schon auf europäische Länder gefeuert habe, etwa auf Zypern. Anfang März waren mehrere Drohnen vor der Küste Zyperns abgefangen worden. Eine Kamikazedrohne traf eine britische Luftwaffenbasis auf der Mittelmeerinsel. Laut zyprischen Angaben handelte es sich um Produkte iranischen Ursprungs.

Kleinere Sprengköpfe, höhere Reichweite

Im Fall des Angriffs auf Diego Garcia handelte es sich laut israelischen Angaben um zweistufige Raketen. Der Raketenfachmann Fabian Hinz schrieb auf der Plattform X, falls dies der Fall sei, sei es am wahrscheinlichsten, dass Iran eine Trägerrakete aus seinem Weltraumprogramm für militärische Zwecke umgewandelt habe.

Eine weitere technische Möglichkeit, mit der Iran die Reichweite seiner Raketen erhöhen könnte, wäre nach Angaben von Fachleuten eine Verkleinerung des Sprengkopfes. Die Mittelstreckenrakete vom Typ Khorramshahr hat iranischen Angaben zufolge eine Reichweite von 2000 Kilometern.

Hinz schreibt, dass die nordkoreanische Rakete Musudan, auf deren Basis die Khorramshahr entwickelt worden sei, wegen eines kleineren Sprengkopfes eine Reichweite von 3000 Kilometern habe. Es sei aber auch nicht auszuschließen, dass Iran ein bislang noch nicht bekanntes System eingesetzt habe.

Source: faz.net