1876 ließ Alexander Graham Bell das Telefon patentieren. Jede Generation von Telefonen veränderte dabei auch die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren. Und die Entwicklung geht weiter.
„Viele Kinder versuchen, in die Löcher der Wählscheibe reinzudrücken. Sie denken, das ist eine Tastatur“, sagt Frank Gnegel und hält ein altes, graues Telefon in der Hand. Er arbeitet als Abteilungsleiter im Museum für Kommunikation Frankfurt. „Es ist eine Kulturtechnik: eine Zahl wählen, warten auf die Scheibe, wieder wählen. Da braucht man Geduld. Das ist verloren gegangen beim Telefonieren“, sagt Gnegel.
In den Tiefen des Museums reiht sich die gesamte Geschichte des Telefons auf. Das erste „Handy“ von 1988 in der Größe eines Koffers, sieben Kilogramm schwer. Holztelefone mit schwerem Hörer und natürlich der Bell-Hörer, erfunden von Alexander Graham Bell. „Die wirkliche Erfindung Graham Bells ist der Bell-Hörer. Ein Gerät, das sowohl als Mikrofon zum Reinsprechen wie auch als Lautsprecher zum Hören verwendet werden konnte“, sagt Gnegel.
Patentanmeldung vor 150 Jahren
„Mr. Watson, kommen Sie her, ich möchte mit Ihnen sprechen.“ Mit diesen Worten revolutionierte Bell die Kommunikation. Es waren die ersten Worte, die über eine Entfernung hinweg verständlich übertragen wurden, der erste Telefonanruf. Am 14. Februar 1876 meldete Bell ein Patent für seine Erfindung an und läutete damit den Aufstieg der gesprochenen Kommunikation ein. „Vor allem hört man dank Bell per Telefon die Stimme des anderen Menschen. Man kann einen direkten Dialog führen und von jetzt auf gleich Lösungen für Probleme finden“, so Gnegel.
Das Telefon im Flur
Früher stand das Telefon oft in der Diele. An das lange Kabel, den schweren Hörer und die Drehscheibe erinnern sich manche gerne zurück. In vielen Familien gab es lange Zeit nur ein einziges Gerät, Gespräche waren hörbar für alle, und telefoniert wurde meist kurz und mit Bedacht. „Ich finde es schade, dass es das Teil nicht mehr gibt. Meine Oma hatte noch so ein altes Telefon aus Holz mit einem goldenen Halter. Als Kind hat man immer damit rumgespielt“, sagt David aus Köln.
Für viele war ein eigenes Telefon im Haus lange ein Luxus. Die 70-jährige Vera aus Köln erinnert sich noch gut daran: „Später gab es dann ein Telefon bei uns im Flur. Das hatte eine fünf Meter lange Schnur. Wenn man mal in Ruhe telefonieren wollte, war das aber nicht so einfach wegen der Eltern.“
Mit der Zeit veränderte sich auch die Technik. Wählscheiben wurden durch Tastentelefone ersetzt. „Später gab es sogar was mit Tasten gegen Aufpreis. Es gab auch mal ein grünes Telefon und andere Farben. Die Geräte wurden kleiner und moderner“, sagt Joachim aus Köln.
Das Telefonat als Ereignis
Telefonieren war früher ein Ereignis, sagt der Psychologe Stephan Grünewald. Ein Anruf bedeutete Aufmerksamkeit und oft auch Planung. Viele Gespräche wurden vorher angekündigt oder genau überlegt, weil Telefonate Geld kosteten. „Mit dem Telefon war plötzlich die Möglichkeit da, in Fernbeziehung zu treten. Zu jeder Zeit an die entlegensten Orte der Welt eine Verbindung herzustellen“, sagt Grünewald vom rheingold-Institut.
Das Telefon überwand erstmals Entfernungen in Echtzeit. Was zuvor Tage oder Wochen dauerte, wurde plötzlich zu einer unmittelbaren Verbindung. Für viele Menschen bedeutete das einen tiefgreifenden Wandel im Alltag, in der Arbeit und im privaten Leben.
Smartphone als „Sozialplazenta“
Heute passiert Kommunikation ständig – oft nebenbei, oft in eine Richtung. Es werde heute viel gesendet, wenig geredet. Kurze Nachrichten, Sprachnachrichten oder Videocalls haben das klassische Telefonat ersetzt. „Wir haben in den 150 Jahren Telefon eine Maximierung der Verbundenheit erlebt, aber gleichzeitig eine Minimierung der Verbindlichkeit“, sagt Psychologe Grünewald.
Für viele Menschen ist das Smartphone längst mehr als ein Kommunikationsgerät: Es ist Kalender, Kamera, Nachrichtenquelle und ständiger Begleiter. „Die Netzwerke, das Smartphone, sind Teile einer ‚Sozialplazenta‘. Wenn man das dabei hat, fühlt man sich angebunden. Es dient einer Art Vergewisserung des Seins. Für manche Leute ist das virtuelle Leben wichtiger als das reale Leben“, so Grünewald.
Erreichbar im hintersten Winkel der Welt
Die Entwicklung der Technik verlief über viele Stationen: vom Handvermittlungsdienst mit dem berühmten „Fräulein vom Amt“ über automatische Vermittlungen bis hin zu digitalen Netzen und mobilen Geräten. Jede Generation von Telefonen veränderte dabei auch die Art, wie Menschen miteinander sprechen. „Das alte Telefon stand isoliert im Raum. Das Smartphone haben wir immer dabei. Da kann man von einer digitalen Verwachsung sprechen. Das Smartphone ist zu einem zusätzlichen Körperteil geworden“, sagt Grünewald.
Auch die ständige Verfügbarkeit ist Fluch und Segen zugleich. „Man kann sich heute unmittelbarer austauschen“, sagt Frank Gnegel vom Museum für Kommunikation. „Heute geht es manchmal schon in die andere Richtung. Die Menschen wollen gar nicht mehr erreichbar sein. Mit Bell damals dauerte es, bis eine Verbindung hergestellt war. Es gab wenig Leitungen, man musste warten.“ Egal, wo man im Urlaub ist: Man ist heute erreichbar. Das habe die Menschheit gewonnen. „Was wir verloren haben, ist es, nicht erreichbar zu sein. Das ist der Nachteil daran“, sagt Gnegel.
Source: tagesschau.de