Der Krieg war vorbei, und die halbe Welt lag in Trümmern, da beschloss Enrico Piaggio, den Menschen Mobilität zurückzugeben, und beauftragte 1945 den Ingenieur Corradino D’Ascanio mit der Entwicklung eines entsprechenden Gefährts. Der hatte bis dahin Hubschrauber konstruiert, aber jetzt entwickelte er die Vespa und mit ihr einen überaus erfolgreichen Renner bis heute. Einfach aufsitzen und losflitzen, der Kopf wird frei, das Haar weht im Wind, das verhieß der erschwingliche Motorroller, und er steht damit für das Lebensgefühl einer Epoche.
Einer der guten Gründe, Piaggios Vespa 125 zu bewahren, steht sie in der Ausstellung von hundert Objekten, mit der die Neue Sammlung in München ihr hundertjähriges Bestehen feiert. Da präsentiert sich eine der ältesten Designkollektionen, die mit 120.000 Gegenständen auch als eine der größten weltweit gilt und nun entsprechend aus dem Vollen schöpfen konnte. Die bunte Reihe der Exponate-Bandbreite reicht von der Vespa bis zu eleganten japanischen Pinseln, von englischen Schornsteinen des neunzehnten Jahrhunderts, die vom Dach genommen riesigen Schachfiguren gleichen, bis zur praktischen Geflügelschere oder auch von exklusivem Autorenschmuck bis zu einem frühen Siemens-Mobiltelefon der Achtzigerjahre, das man noch wie ein Kofferradio herumtrug.
Schon rund zwei Jahrzehnte vor Gründung der Neuen Sammlung 1925 begann das Zusammentragen eines Grundstocks, als die „Vereinigung für angewandte Kunst“ eine moderne Vorlagensammlung nach den Idealen des Deutschen Werkbundes anlegte. Der strebte an, dass Form und Material der Funktion folgen sollten, um dem Verfall der Qualität entgegenzuwirken, die mit der Industrialisierung des Kunstgewerbes eingerissen war.
Beispielhaft dafür startet die Objektparade mit einem Briefkasten aus metallenem Gitterwerk, den Josef Hoffmann (1904/06) in konsequenter Abkehr vom Geschnörkel des Historismus für die Wiener Werkstätten entwarf. Bereits 1913 kauft man ihn in München an, denn von Beginn an sammelte man hier am Puls der Zeit. Viele Designikonen kamen dabei zusammen, sehr früh etwa Mies van der Rohes Stahlrohr-Freischwinger MR20, entworfen 1927 für die Stuttgarter Weißenhofsiedlung und bis heute immer wieder aufgelegt, variiert, imitiert. Oft kauften die Kuratoren direkt an den Quellen progressiven Designs ein, seinerzeit am Bauhaus oder an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein und heute noch direkt in den Designerateliers.
Der Ausstellungspfad folgt nicht der Chronologie der Entstehung, sondern dem Erwerb der Dinge. Anfangs lag der Schwerpunkt bei Glas- und Keramikobjekten, Möbel und Textilien. Dann markiert eine blaue Schlagbohrmaschine von Bosch den Aufstieg von technischem Gerät und Industriedesign zu Sammlungsschwerpunkten ab den Sechzigerjahren. Die Auswahlkriterien hatten sich inzwischen gewandelt – statt Vorlagen zu liefern, ging es nun um das Bewahren von Exemplarischem. Prompt taten sich Lücken im Bestand auf, etwa beim Jugendstil, dessen Ära bei Sammlungsgründung ja schon vorüber war.
Große Freude, als das Haus eine der prächtigen grünen Art-Nouveau-Stationen der Pariser Metro geschenkt bekam, die Hector Guimard um 1900 entwarf. Nur wohin damit? Die Lagerung solch ausladender Teile machte Probleme, bis die Pinakothek der Moderne 2002 eröffnete, wo auch die Neue Sammlung ihren heutigen Sitz bekam, mit viel Platz für ständige wie temporäre Ausstellungen und für ein Schaulager. 1967 nahm die Sammlung sogar Fotografie unter ihre Fittiche, sie richtete Bernd und Hilla Becher deren allererste Museumsschau aus.
Unbestritten lässt sich über Geschmack bestens streiten, genauso wie die Meinungen darüber auseinandergehen, was gelungenes Design ist. Der plumpe, 1935 entworfene Bergkristallleuchter mit Messingarmen aus NS-Besitz ist es sicher nicht. Als Belegstück der auch unter Designaspekten finsteren Epoche gehört er dennoch in die Sammlung, die im Übrigen 1940 geschlossen und erst nach sieben Jahren wieder eröffnet wurde. Damals brechen Formgeber freudig auf in neue Dimensionen, zumindest der namenlosen Schöpfer des „Kuba Komet 1223 SL“: in kühner, spitzwinkliger Schräge, dem Nierentisch diametral entgegengesetzt, zielt sein Kombimöbel für TV, Radio und Phono Richtung Wohnzimmerdecke der Fünfzigerjahre. Üppige Blüten treibt die angewandte Kunst dort, wo sie primär auf ästhetischen Effekt abhebt – zulasten des Nutzens, der fast Nebensache wird.
Philippe Starcks berühmte Zitronenpresse auf drei hohen Beinen zum Beispiel – formal gelungen, praktisch ziemlich daneben. So wie der lustige, quietschbunte Barschrank in Amöbenform, den Trendsetter Alessandro Mendini 1986 im Memphis-Stil entwarf, der das Drinkmixen nicht gerade einfach macht. In jüngster Zeit liegt der Sammlungsfokus auf KI, Robotik oder auch Inklusion, für sie steht BMWs Rennrollstuhl, eine coole, aerodynamisch geformte Mobilitätshilfe.
100 Jahre – 100 Objekte. Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne, München; bis 30. Mai 2027. Kein Katalog.
Source: faz.net