100. Geburtstag: Siegfried Lenz und die Fragen nachdem Krieg und Klima

Stand: 17.03.2026 • 08:49 Uhr

Mit Büchern wie „Deutschstunde“ oder „Der Überläufer“ wurde Siegfried Lenz zu einem der beliebtesten deutschen Schriftsteller. An seinem 100. Geburtstag sind viele seiner Themen hochaktuell.

Von Niels Grevsen, NDR

„Durch Erwärmung des Erdklimas werden Wüsten wachsen, die Polkappen schmelzen und die Meere so ansteigen, dass ganze Länder überflutet werden. Es gehört nicht einmal viel Fantasie dazu, sich die Erde unbelebt vorzustellen.“ Diese Sätze stammen nicht von einem Klimaschützer aus dem Jahr 2026. Diese Sätze sprach Siegfried Lenz vor fast vier Jahrzehnten, 1988, bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Schon damals warnte der Schriftsteller eindringlich vor der Klimakatastrophe. Nur ein Beispiel für sein politisches Engagement und seine Hellsichtigkeit.

Publikumsliebling und politischer Schriftsteller

Siegfried Lenz ist einer der wichtigsten und erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit, mit Bestsellern wie „Deutschstunde“, „Heimatmuseum“ oder „Schweigeminute“. Er wurde mit zahlreichen Preisen im In- und Ausland geehrt.

Weit weniger als Günter Grass wurde Lenz dabei als politischer Schriftsteller wahrgenommen. Dabei machte er für seinen Freund, Bundeskanzler Helmut Schmidt, und die SPD lange Wahlkampf. Bundeskanzler Willy Brandt begleitete er 1970 auf dessen Staatsbesuch nach Warschau.

Politisch ist auch das Werk von Lenz. Intensiv setzte er sich mit den Folgen der deutschen Geschichte auseinander – mit der Frage nach Opfer versus Täter, nach Gewissen versus Pflicht. Niemand habe diese Fragen vergleichbar präzise formuliert, sagt Günter Berg, der langjährige Verleger des Schriftstellers und Vorsitzende der Siegfried Lenz Stiftung, im NDR-Dokudrama „Was würdest du tun? – 100 Jahre Siegfried Lenz“.

Siegfried Lenz und der Krieg

Geprägt hat Siegfried Lenz die Erfahrung als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg. „Die Vermeidung von Krieg, dieses ‚Nie wieder’“ spiele in seinen Werken „eine ganz große Rolle“, sagt Günter Berg. Aus Sicht des früheren Verlegers von Lenz gibt es „mindestens 20 Erzählungen“, die eine „friedliche Koexistenz von Menschen“ thematisieren, die düstere Vergangenheit immer im Hintergrund.

Ein besonders deutliches Beispiel dafür sei der Roman „Der Überläufer“: „Siegfried Lenz wollte 1951 – daran gibt es gar keinen Zweifel – einen Anti-Kriegsroman schreiben“, sagt Günter Berg. Doch der Verlag habe den Roman damals aus politischen Gründen nicht veröffentlichen wollen. Deshalb erschien er erst 2016, knapp zwei Jahre nach dem Tod des Schriftstellers.

Lenz erzählt in „Der Überläufer“ die Geschichte eines deutschen Soldaten, der an der Ostfront zunehmend am Sinn des Krieges zweifelt und sich schließlich entscheidet, die Seite zu wechseln. Der Roman formuliert die Frage, was wichtiger ist: militärischer Befehl oder das eigene Gewissen.

Siegfried Lenz, geb. 17. März 1926, starb am 7. Oktober 2014

Literatur gegen falschen Gehorsam

Immer wieder warnte Siegfried Lenz vor Diktatur und blindem Gehorsam. Das wohl bekannteste Beispiel ist sein Roman „Deutschstunde“. Während der NS-Zeit muss ein Polizist das Malverbot gegen einen Künstler durchsetzen, mit dem er befreundet ist. „Möglicherweise ist die Deutschstunde ein gutes Beispiel dafür, dass sich jeder irgendwann für irgendwas entscheiden muss“, sagt Günter Berg. „Und dass es keinen Zettel gibt, auf dem steht, was man nun tun soll.“

Wie kaum ein anderer deutscher Roman hinterfragt „Deutschstunde“ den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Lenz betonte in Interviews und Essays, dass Demokratie und Freiheit auf der Bereitschaft jedes Einzelnen beruhten, Autoritäten zu hinterfragen und Verantwortung zu übernehmen.

Frühe Warnung vor der Klimakatastrophe

Für mehr Umweltschutz setzte sich Siegfried Lenz nicht nur in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises ein. In der Erzählung „Wie Radikalität entsteht“ von 1988 schildert der Autor den Verlauf einer Podiumsdiskussion zum Thema „Ist die Nordsee gefährdet?“. Ein Wirtschaftsvertreter wiegelt darin industrielle Gefahren für die Natur ab. Proteste von Umweltschützern sind die Folge.

Lenz war der Natur ohnehin zugetan, sagt Günter Berg. Ein gutes Dutzend Texte behandle die Widersprüche zwischen Ökonomie und Umweltschutz. Zwar sei Lenz selbst kein Radikaler gewesen, habe aber in „Wie Radikalität entsteht“ sein Verständnis von Protest dargelegt: „Wenn sich die Vertreter von Regierungen nicht besorgt zeigen um unser Leben, haben wir die Legitimation, selbst zu handeln.“

Doku-Drama zu Siegfried Lenz mit Jonas Nay

Wie aktuell Lenz ist, zeigt das NDR-Dokudrama „Was würdest du tun? – 100 Jahre Siegfried Lenz“ mit Schauspieler Jonas Nay. Der Film zum 100. Geburtstag des Schriftstellers versucht Lenz‘ Literatur mit Menschen von heute zusammenzubringen. Jonas Nay spielt darin die Lenz-Figur „Inspektor Tondi“, der auf Menschen trifft, deren Leben mit Themen des Schriftstellers zu tun haben. Darunter sind der ehemalige Soldat Wolf Gregis und junge Polizisten. Auch die Klimaaktivisten Lina Eichler und Henning Jeschke von „Die neue Generation“ gehören dazu.

Der Schauspieler Jonas Nay spricht mit dem Soldaten Wolf Gregis.

Mit dem Soldaten Gregis spricht Jonas Nay über den „Überläufer“, die Frage von Pflicht und Gewissen als Soldat. Was bedeutet für ihn der Eid, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes zu verteidigen, dabei gegebenenfalls aber auch zu töten oder getötet zu werden?

Bei einem Abschiebeeinsatz begleitet Nay Polizisten und fragt sie, wie sie einen solchen Einsatz vor sich selbst rechtfertigen. Die beiden Klimaaktivisten wurden bei ihren Aktionen selbst bereits von der Polizei abgeführt. Begreifen sie sich als Beispiel dafür, „wie Radikalität entsteht“? Eine der aktuellen Fragen, die Siegfried Lenz noch an seinem 100. Geburtstag aufwirft.

Source: tagesschau.de