»Air Defender«: Länder lockern für Militärübung zivile Nachtflugverbote

F-16-Kampfjets der US-Air-Force beim Anflug auf den Fliegerhorst Jagel in Schleswig-Holstein: Größte Übung dieser Art seit Bestehen der Nato

F-16-Kampfjets der US-Air-Force beim Anflug auf den Fliegerhorst Jagel in Schleswig-Holstein: Größte Übung dieser Art seit Bestehen der Nato


Foto: Georg Wendt / dpa

Wenn Militärs üben, müssen zivile Maschinen umgeleitet werden – in ohnehin eng besetzten Luftsektoren: Die ab kommender Woche geplante Großübung der Luftwaffen der Nato-Staaten, »Air Defender«, könnte daher zu weitreichenden Behinderungen des zivilen Flugverkehrs führen.

»Nach den Planungen von Bundeswehr und Deutscher Flugsicherung wird es zu räumlich und zeitlich begrenzten Sperrungen innerhalb des deutschen Luftraums kommen«, sagte ein Sprecher des Münchner Flughafens. Er sprach von möglichen »Beeinträchtigungen des zivilen Luftverkehrs« wie Verspätungen. Eine genaue Vorhersage könne derzeit nicht getroffen werden.

Die Bundesminister für Verteidigung und für Verkehr haben die Länder kurzfristig gebeten, die Nachtflugbeschränkungen an den Flughäfen zu lockern, um verspätete Passagierjets spätabends noch aufnehmen zu können. So hat Baden-Württemberg Ausnahmen für Stuttgart bis 2 Uhr zugelassen. Auch für Hamburg und Düsseldorf zeichnen sich längere Betriebszeiten ab. Am Frankfurter Flughafen im schwarz-grün regierten Hessen werden Spätstarts bis 24 Uhr genehmigt, wenn der Verspätungsgrund durch das Manöver bedingt ist.

Das Nachtflugverbot in München ist nicht aufgehoben, doch können Fluggesellschaften Ausnahmen beantragen. Allerdings sollen die Militärmaschinen nachts und an Wochenenden ohnehin nicht fliegen. Größere Flughäfen ohne Nachtflugverbot gibt es nur in Köln, Leipzig und Nürnberg.

Szenario: Bis zu 50.000 Verspätungsminuten je Manövertag

Die Militärübung werde »natürlich massive Auswirkungen auf den Ablauf der zivilen Luftfahrt haben«, hatte zuletzt der Chef der Lotsengewerkschaft GdF, Matthias Maas, gesagt. Angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erkenne die Branche die Notwendigkeit des Manövers an, versichert ein Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Luftverkehrswirtschaft. Gleichwohl wollen die Fluggesellschaften wissen, worauf sie und die Passagiere sich in den reiseintensiven Frühsommerwochen einstellen müssen. So prüft die Lufthansa die konkreten Auswirkungen auf den Flugbetrieb, der so stabil und zuverlässig wie möglich gehalten werden soll.

Umstritten ist, ob es tatsächlich nur zu einzelnen Flugverspätungen kommen wird, wie es die Bundeswehr angekündigt hat – oder doch zu umfassenderen Beeinträchtigungen oder gar Ausfällen. Klar ist: In Bereichen, in denen Militärpiloten auf Sicht fliegen, haben zivile Maschinen aus Sicherheitsgründen nichts verloren.


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Maas von der Lotsengewerkschaft verweist auf ein von der europäischen Flugsicherungsorganisation Eurocontrol errechnetes Szenario, das bis zu 50.000 Verspätungsminuten je Manövertag ausweist. Das entspricht bei rund 10.000 Flugbewegungen einem Tag mit schweren Gewittern und würde deutlich im roten Bereich liegen. Bis zu 100 Flugzeuge könnten unter diesen Bedingungen ihr Umlaufziel zur Nachtschließung diverser Flughäfen nicht erreichen – mit unangenehmen Folgen für Passagiere und Unternehmen, deren Maschinen dann morgens nicht mehr am richtigen Ort starten könnten. Die bundeseigene Flugsicherung bestreitet das mit ihren Daten gefütterte Szenario nicht, verweist aber auf weitere Eurocontrol-Modelle mit deutlich geringeren Auswirkungen.

»Air Defender« ist ein Manöver der Superlative, das unter Führung der deutschen Luftwaffe ab dem 12. Juni im deutschen Luftraum starten soll. Zwei Wochen lang üben 25 Nato-Staaten dabei die Verlegung großer Luftstreitkräfte. Es ist die größte Übung dieser Art seit Bestehen des Bündnisses. Mehr als 250 Militärmaschinen vom Transporter bis zum Kampfjet sollen daran teilnehmen.

Die Übungsflüge sollen in drei eng definierten Lufträumen stattfinden, die wochentags jeweils im Wechsel genutzt werden. Dabei soll ein Übungsraum Ost über Mecklenburg-Vorpommern und der Ostsee jeweils von 10 bis 14 Uhr als einziger auch für Tiefflüge reserviert sein. Der Raum Süd erstreckt sich von Lechfeld in Bayern nach Rheinland-Pfalz und soll von 13 bis 17 Uhr genutzt werden, bevor an den Raum Nord über der Nordsee von 16 bis 20 Uhr abgegeben wird. Passagiere ziviler Flüge können also vor allem in den frühen Morgenstunden sowie am Wochenende auf pünktliche Starts und Landungen hoffen.

Das Tübinger Analysehaus A3M erwartet besonders für die Flughäfen in Frankfurt und Berlin größere Probleme, weil sie in oder an den Übungsgebieten gelegen sind. Im Laufe des Tages könnten sich Verspätungen bei einzelnen Flugzeugen addieren und so auch an anderen Einsatzorten für Verspätungen sorgen, auch Ausfälle und Flugverlegungen hält man für möglich. Die Nachrichtenagentur dpa zitiert zudem einen erfahrenen Lotsen: »Wo reguliert wird, sind Verspätungen unvermeidlich.«

Die Deutsche Flugsicherung will während der Übung ihr Personal aufstocken. Zum eigentlichen Übungsbetrieb kommen noch Transferflüge von und zu außerhalb gelegenen Stützpunkten hinzu.


apr/dpa