Advent und Weihnachten: Eine Klippe namens „Stille Nacht“

Zu Weihnachten, dem Fest des Friedens, wird es auch in der Musik friedlich: Grenzstreitigkeiten zwischen der sogenannten U- und E-Musik werden fürs Erste ausgesetzt, die Schranken öffnen sich, es kommt zu fröhlichem Austausch. Zahlreich sind die CD-Veröffentlichungen, die einen Bogen spannen von Alter Musik bis hin zur Broadway-Weihnacht – um beim schlichten Weihnachtslied zu erkennen, dass hier immer schon „E“ und „U“ versöhnt waren. Das Volkslied kennt das Unterhaltende nur im Verbund mit dem Ernsten und umgekehrt.

Besonders virtuos bewegt sich in diesem Jahr das US-amerikanische Gesangsensemble Chanticleer in diesem Grenzverkehr, ein elfköpfiger Chor aus Männerstimmen, geleitet von Tim Keeler. Auf der CD „Joy to the World“ (Delos) erklingt Michael Praetorius’ „Rorate Caeli“ mit einer Klarheit und Präzision, dass schon der Verdacht aufkommt, der Chorleiter könne seine Sänger über eine Tastatur bedienen.

Die gewagten Harmoniewechsel in Palestrinas „O Magnum Mysterium“ erzählen von einer Welt, in der das Wunder die Norm ist. Kirchenfenster aus Klang sind das, strahlend im dunklen Raum. Von hier aus singt sich Chanticleer quer durch die englischsprachige Weihnachtsmusikwelt in phantasievollen Arrangements. Am Ende wartet „Silent Night“ in der Fassung eines Chormitgliedes: wirkungssicher die klanglichen Mittel dieses außergewöhnlichen Kammerchores nutzend, in gelungener Dramaturgie sich vom Sologesang zu kollektiver Pracht erhebend.

Die Kuba-Welle schwappt nach

Überhaupt „Stille Nacht“: Dieser musikalische Inbegriff von Weihnachten ist für die Arrangeure eine Klippe. Die feierliche Schlichtheit verpflichtet, gefährlich groß ist der Reiz, die Atmosphäre dieses Liedes mit aparten Harmonien anzufeuern. Gut vielleicht, wenn man gleich den kalkulierten Stilbruch wagt und die „Stille Nacht“ in den Bereich des Artifiziellen führt. „Christmas with Salaputia Brass“ (Berlin Classics) überrascht den Hörer mit einer Fassung, die das Lied mit tiefen Blechbläsern und allerhand verwinkelten Stimmgängen in eine wirklich nächtliche Düsternis setzt – um dann in mächtiger Expansion, kunstreich harmonisiert, in aller Herrlichkeit aufzuflackern.

Stephan Stadtfeld, Trompeter im Konzerthaus Berlin wie bei Salaputia Brass, hat diese Bearbeitung verfasst, neben sechs weiteren, ähnlich überraschenden. Die CD dieser Blechbläser-Truppe, die sich aus Mitgliedern deutscher Symphonieorchester zusammensetzt, führt lustvoll die Tradition der swingenden Weihnacht fort, setzt dabei aber ganz frische Akzente.

Eher kitschig gerät das Lied bei der Hornistin Sarah Willis, die sich für „Cuban Christmas“ (Deutsche Grammophon) erneut mit kubanischen Musikern getroffen hat. Da singt das Horn windelweich über geharften Klavierakkorden, bis sich die kubanische Rhythmuswalze in Gang setzt und die karibische Sonne über Franz Xaver Grubers Alpen-Weihnacht aufgeht.

Dreißig Jahre nach dem Erscheinen von „Buena Vista Social Club“ schwappt die Kuba-Welle immer noch nach; was Duke Ellington entdeckte, nämlich dass sich Peter Tschaikowskys „Nussknacker“ bestens verjazzen lässt, funktioniert auch mit der Musik des früheren Castro-Staates. Hört man nun den „Trepak“, den russischen Bauerntanz, wie er sich durch ein paar Akzentverschiebungen mit der Rhythmik Kubas verbrüdert, melden sich zarte politische Assoziationen.

Viel zu entdecken und erraten

Den „Nussknacker“ nimmt sich auch der Komponist Wolf Kerschek vor, der eine äußerst gewitzte Suite geschrieben hat für Saxophon und Orchester: frei mit dem Ausgangsmaterial verfahrend, pointenreich Zitate aus dem klassischen Repertoire einflechtend. Da taucht im Eingangs-Marsch plötzlich Maurice Ravels „Bolero“-Thema auf, und die Zuckerfee tanzt nicht nur zu Tschaikowsky, sondern auch zu Sergej Prokofjews „Romeo und Julia“. Das Saxophon kommentiert mit herzhaftem Quieken.

Zu hören ist das auf Asya Fateyevas Album „Nutcracker Unwrapped“ (Berlin Classics), wo sich die Saxophonistin sonst eher als eine Stimme unter vielen präsentiert. Kerscheks „Nussknacker“ (mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Vilmantas Kaliunas) ist dabei noch der konventionellste Beitrag. Gemeinsam mit dem Vokal-Quartett Niniwe, begleitet von einer Theorbe, begibt sich Fateyeva auf einen Gang in die vorgeburtliche Zeit des Saxophons, etwa zu Weihnachtsliedern der Renaissance – ein Experiment, dass Fateyeva mit überlegter Zurückhaltung unternimmt.

Der phantasievolle, oft ins Humoristische zielende Kommentar des Alten ist überhaupt eine eigene Kunstform der Weihnachtsmusik. Das Miró Quartet hat für sein Album „Hearth“ (Pentatone) fünfzehn Komponisten gebeten, kurze Phantasien zu schreiben über selbst gewählte Weihnachtslieder. Dabei sind Quartett-Sätze entstanden, mal humorvoll wie „Songs of Christmas Past“ von Hyung-ki Joo, der in sein Liedergeflecht auch mal den Hochzeitsmarsch aus Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“ einarbeitet, mal unbehaglich, wenn bei Gabriel Kahane Fetzen von „Es ist ein Ros’ entsprungen“ über einem Eisfeld von Flageolett-Tönen erscheinen. Zu entdecken und zu erraten gibt es viel auf dieser CD, geadelt werden die Stücke durch den warmen Glanz und die feine Ensemble-Kultur des Miró Quartet.

Eine schöne Entdeckung

Bei den Veröffentlichungen im Bereich der Alten Musik führen die Wege in diesem Jahr nach Italien und Frankreich. Gleich zwei CDs mit nahezu identischem Programm würdigen Marc-Antoine Charpentier als Komponisten von Weihnachtsmusik. Dabei interessierte Charpentier, der in Paris als Kirchen-Kapellmeister wirkte, das sakrale Element ebenso wie das weltliche. Populäre Weihnachtslieder seiner Zeit bearbeitete er für Instrumentalensemble, für seine „Messe de Minuit pour Noël“, geschrieben zur Christnacht, verwendete er sie als prägendes musikalisches Material. Eine heitere Beschwingtheit legt sich über das Werk, noch das „Crucifixus“ des „Credo“ hat etwas Unbeschwertes an sich.

Christophe Rousset, der Monteverdi-Chor und die English Baroque Soloists verhelfen dieser Musik formsicher zum Tanzen, ihr Album „Charpentier: Ba­roque Christmas“ (Soli Deo Gloria) bringt mit der Motette „In nativitatem Domini canticum“ außerdem ein Beispiel für Charpentiers dramaturgisches Gespür. Wie er in einlullender Breite die Nacht schildert, um dann jäh das Licht des Heilands aufstrahlen zu lassen: Das verrät einen ausgefuchsten Theatermann. Auf „Charpentier: Messe de Minuit“ (Château de Versailles) präsentieren Chor und Orchester des Ensembles „Marguerite Louise“ (Leitung: Gaétan Jarry) eine zweite Vertonung dieses Motetten-Textes: ähnlich, aber keineswegs gleich. Charpentier muss ein Mann der feinen Unterschiede gewesen sein.

Auch Alessandro Scarlatti war als Kirchen-Kapellmeister tätig, in Rom. „Alessandro Scarlatti: Christmas at the Bethlehem of the West“ (Arcana) bringt nun Werke in Erinnerung, die Scarlatti für Weihnachten in der Basilika Santa Maria Maggiore schrieb. Strenge Kontrapunktik verbindet sich hier mit tänzerischer Freude, Chor und Orchester „Ghislieri“, geleitet von Giulio Prandi, zeigen große Spielfreude, fußend auf einem starken Gefühl für die Struktur des Stimmensatzes.

Rund zweihundert Jahre später: Ottorino Respighi schreibt seine „Lauda per la Natività del Signore“, ein rund halbstündiges Werk für Chor, Solisten und Holzbläser. Respighi, bekannt vor allem für seine großen Orchesterwerke, zeigt sich hier als Meister der Schlichtheit, des anrührenden Tons, der intimen Gestaltung. Das Werk, dargeboten vom Chor des Bayerischen Rundfunks unter Howard Arman (BR-Klassik), gehört in diesem Jahr zu den schönsten Entdeckungen.

Source: faz.net