Sechs Monate Stillen nun gleichfalls in Deutschland empfohlen
Babys zu stillen, schützt sie vor Erkrankungen und ist günstig für ihre Entwicklung – so die allgemeine Einschätzung. Jetzt gibt es erstmals eine offizielle deutsche Leitlinie, wie lange Frauen idealerweise stillen sollen.
Die neue Empfehlung ist klar: Die ersten sechs Monate ihres Lebens sollten Babys voll gestillt werden. Bislang hieß es: Ab dem vierten Monat kann der erste Brei gegeben werden. Und auch für die Zeit danach werden die Fachleute jetzt deutlicher: Auch wenn sukzessive immer mehr normale Nahrung hinzukommt, wird Müttern empfohlen, mindestens bis zum ersten Geburtstag des Kindes noch weiter zu stillen – vorher war gar kein konkreter Zeitrahmen genannt worden.
Es sei wichtig zu wissen, dass diese Empfehlungen nicht alleine dastehen, betont die Zürcher Hebammenwissenschaftlerin Susanne Grylka, eine der Autorinnen der neuen Leitlinie, die 26 Fachgesellschaften und Fachverbände gemeinsam herausgegeben haben. „Sie beruhen auf 30 gut recherchierten Outcomes oder Endpunkten, die die Gesundheit von Müttern und ihren Kindern betreffen.“
Positive Effekte in den allermeisten Fällen
30 Outcomes – das heißt: Die Fachleute haben systematisch große internationale Übersichtsarbeiten ausgewertet, die untersuchen, wie sich stillen auf 30 verschiedene Krankheitsbilder und Symptome auswirkt – mit der Leitfrage: Welche Vorteile haben ein halbes Jahr voll stillen und ein Jahr stillen insgesamt für Mutter und Kind, im Vergleich zu gar nicht oder kürzer stillen?
In den allermeisten Fällen konnten die Studien positive Effekte zeigen: weniger Mittelohrentzündungen bei den Kindern, weniger Magen-Darm-Infekte, ein geringeres Risiko für Leukämie und sogar für Autismus und ADHS.
Beweislage nicht immer ganz eindeutig
Doch nicht immer sei die wissenschaftliche Beweislage ganz klar, sagt die Düsseldorfer Kinderernährungsmedizinerin Regina Ensenauer. „Wir haben zum Beispiel einen günstigen Effekt gesehen eines längeren Stillens im ersten halben Jahr auf Asthma, auf die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Asthma, während wir kein eindeutiges Ergebnis aus den Studien gesehen haben zwischen Stillen im ersten halben Jahr und Adipositas zum Beispiel.“
Das hat auch damit zu tun, was für Studien es überhaupt zum Stillen gibt. Denn in der Regel werden freiwillig stillende und nicht stillende Mütter und ihre Kinder in sogenannten Beobachtungsstudien verglichen, also im Alltag wissenschaftlich begleitet. Weil da aber immer noch viele andere Faktoren hineinspielen, liefert das etwas weniger Beweiskraft, als wenn man experimentelle Studien mit Kontrollgruppe macht, also junge Mütter per Zufall in zwei verschiedene Gruppen einteilt, von denen eine stillen soll, die andere nicht.
Der Unterschied zeigt sich zum Beispiel bei der Frage nach dem Effekt auf Übergewicht. „Natürlich ist zu beachten, was nach dem Stillen kommt – es kommt die Beikost-Einführung, es kommt die Familienkost, es kommen weitere Faktoren, die auch mit dem Verhalten der Familie gegenüber dem Kind zu tun haben, die dieses Outcome mit beeinflussen“, sagt Ernährungsmedizinerin Ensauer.
„Die größte Datenlage, die man finden konnte“
Trotzdem sind die Studienautorinnen und -autoren von ihrer neuen Empfehlung überzeugt, weil die Vielzahl der Übersichtsstudien so viele zueinander passende Erkenntnisse für fast alle Effekte liefert. „Die größte Datenlagen, die stärkste Datenlage, die man finden konnte, die hat man gesucht und gefunden und herangezogen“, erläutert Ensauer.
21 Effekte für Kinder wurden so untersucht – und neun für die stillenden Frauen selbst. Der Berliner Gynäkologe Michael Abou-Dakn hat auch an der Leitlinie mitgeschrieben. Er betont, dass langes Stillen sich laut Studienlage besonders auf das Krebsrisiko von Frauen günstig auswirkt. Das Risiko sinkt für Brustkrebs bei sehr langer Stilldauer je nach Auswertung um 25 bis 40 Prozent. „Das können wir uns auch biochemisch mittlerweile erklären, weil eben entsprechende Stammzellen in der Muttermilch sind und so weiter, die tatsächlich diese Krebssituation verändern“, erklärt Abou-Dakn.
Keinen moralischen Druck auf Frauen ausüben
Auch Depressionen nach der Geburt können demnach günstig beeinflusst werden. Trotzdem ist es den Fachleuten wichtig zu betonen: Die Leitlinie ist für medizinisches Fachpersonal gedacht, das Mütter individuell berät. „In einer Leitlinie ist nichts Verpflichtendes, die Frau hat immer die Wahl, letztendlich frei zu entscheiden, wozu sie sich entscheiden möchte“, so Gynäkologe Abou-Dakn.
Heißt: Wenn Frauen nicht stillen wollen oder können, sollte kein moralischer Druck ausgeübt werden.
Source: tagesschau.de